Himmelklar – Der katholische Podcast

Familiensoziologin: Kirchen könnten noch kinderfreundlicher werden

Veröffentlicht am 07.10.2026 um 00:30 Uhr – Von Hilde Regeniter – Lesedauer: 

Köln ‐ Viele Mütter in Deutschland erleben heute zumindest zeitweise Einsamkeit – und viele schämen sich dafür. Warum hier gerade die Kirchen in einer "Pole Position" sind, erklärt Familiensoziologin Sabine Diabaté im Podcast.

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Dass sie selbst sich nach der Geburt ihres Wunschkindes immer wieder einsam fühlen würde, hätte Sabine Diabaté nicht gedacht. Dass es aber genauso war, brachte die promovierte Familiensoziologin dazu, die psychische Situation von Müttern auch in der Forschung genauer in den Blick zu nehmen. Das Ergebnis war eindeutig: Viele Mütter in Deutschland erleben heute mindestens zeitweise Einsamkeit, viele schämen sich dafür. Die Kirchen, so sagt die überzeugte Christin, könnten noch einiges mehr dafür tun, dass Mütter Wege aus ihrer Einsamkeit finden. Warum sie die Kirche in Sachen einsame Mütter in einer "Pole Position" sieht, erzählt sie im Podcast. 

Frage: Beim Stichwort "Mutter" und "Mutterschaft" denken wir doch eigentlich erst mal nicht an "Einsamkeit"…

Diabaté: Nein, tatsächlich ist Einsamkeit meist das allerletzte, was anderen Menschen einfällt, wenn sie Mutterschaft betrachten. Es klingt paradox, dass eine Mutter einsam sein könnte, da sie doch ständig von ihrem Kind oder ihren Kindern umgeben ist. Insofern scheint das auf den ersten Blick nicht logisch. Wenn wir aber genauer hinschauen, ist der Übergang zur Mutterschaft ein epochaler Umbruch im Leben einer Frau. Ab dem Moment, wo das Kind plötzlich im Leben ist, kann sie die Kontakte, die sie vorher im Job und auch privat gepflegt hatte, nur noch stark reduziert pflegen. Diese Veränderung ist einschneidend, darauf bereitet einen kein Geburtsvorbereitungskurs vor.

Frage: Mütter sind ständig von Menschen umgeben, müssen ständig kommunizieren und organisieren. Trotzdem fühlen sie sich – das haben Sie auch wissenschaftlich belegt – immer wieder einsam, im Extremfall sogar sehr einsam. Wie passt das zusammen?

Diabaté: Wir leben in einer Zeit stark verdichteter Biografien. Wir erleben eine große Beschleunigung im Job; da ist die Digitalisierung, da sind all die Anforderungen und die verschiedenen Rollen, die wir als Frauen im Alltag erfüllen und leben. Wenn dann noch die Rolle der Mutter dazukommt, führt das für viele Frauen zu einer extremen Zeitknappheit. Sie sind die Hauptverantwortlichen für ihr Kind und für damit verbundene Organisation, die sichtbare Arbeit, aber auch die unsichtbare, also das Vorausdenken, Planen und Organisieren. Aus dieser Zeitknappheit entstehen auch Erschöpfung und ein Beziehungsmangel. Tragfähige Freundschaften sind schwer zu pflegen und aufrechtzuerhalten, vor allem, wenn Kinder klein sind.

Frage: Das Thema "einsame Mütter" ist wohl auch ein Tabu, weil es nicht zu unserer Vorstellung von Müttern passt, die ganz in der Liebe zu ihren Kindern aufgehen und ständig in Zärtlichkeit und Zuneigung schwelgen. Inwieweit spielt da auch ein romantisierendes Mutterbild eine Rolle?

Diabaté: Das ist ein wichtiger Punkt. Romantisierung konterkariert dieses Leiden, diese Erschöpfung der Mütter. Die erschöpfte Mutter oder die einsame Mutter passt tatsächlich überhaupt nicht in unser Bild von Mutterschaft. Unser Bild von Mutterschaft, zumindest hier in Deutschland, aber mindestens auch in vielen westlichen Industrieländern, ist geprägt von Präsenz, von Zuwendung und Glücklichsein und vom völligen Aufgehen mit dieser Rolle. Was teilweise kulturell in Deutschland so weit geht, dass bis heute ein erheblicher Anteil der Menschen ein Frauenleben nur dann für erfüllt hält, wenn Kinder im Spiel sind. Die Verbindung Frau und Kind ist in den Augen vieler ein regelrechtes Heilsversprechen. Dieses kulturelle Leitbild führt dazu, dass Mütter sich schämen, wenn sie auch negative Gefühle wie Einsamkeit und Erschöpfung erleben. Deswegen ist es so schwer, darüber zu sprechen.

Kinder recken die Arme in die Höhe bei einem Lied in einem Gottesdienst.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

""in Baby oder Kleinkind mit großem Bewegungsdrang nehmen Eltern eher ungern ins Hochamt mit", sagt Sabine Diabaté. "An der Stelle könnten die Kirchen sicher noch kinderfreundlicher werden."

Frage: Sie tragen in Ihrem Buch viele Ansätze gesellschaftlicher und individueller Art zusammen, zum Beispiel zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Job. Was aber können konkret die Kirchen tun, damit Mütter sich weniger einsam fühlen? Schließlich haben sich die Kirchen das Engagement für Familien, Mütter und Kinder groß auf die Fahnen geschrieben. Was finden Sie im Angebot der Kirchen gut und hilfreich?

Diabaté: Den Kirchen kommt eine zentrale Bedeutung zu. Wir haben in Deutschland und auch darüber hinaus eine sehr gute kirchliche Vernetzung. Die Kirchen haben eine eigene Binnenstruktur fürs Soziale geschaffen, es gibt überall kirchliche Orte der Begegnung. Da sind zum Beispiel die Pfarrheime oder in katholischer Trägerschaft Kitas, Schulen und Pflegeheime. Was den intergenerationalen Dialog angeht, lässt sich an solchen Orten zum Beispiel die Einsamkeit von Müttern und betagter Menschen zusammen bekämpfen. Diese gut ausgebaute Infrastruktur ermöglicht viele weitere Angebote. Ich denke zum Beispiel an Eltern-Kind-Cafés und ähnliche Begegnungsorte, die an bestimmten Tagen offen sind, wo man zusammenkommen und sich einfach auf einen Kaffee, Tee oder ein Wasser treffen kann, wo man nichts bezahlen muss. Das sind wertvolle Aktivitäten in Kirchengemeinden. Natürlich sind auch die Gottesdienste wichtig, auch als Orte, an denen man sich begegnet. Da würde ich mir allerdings noch mehr Familienangebote wünschen; ein Baby oder Kleinkind mit großem Bewegungsdrang nehmen Eltern eher ungern ins Hochamt mit. An der Stelle könnten die Kirchen sicher noch kinderfreundlicher werden.

Frage: Da sind wir schon bei den Verbesserungsvorschlägen. Was fehlt Ihnen im Angebot der Kirchen? Was könnte noch besser werden?

Diabaté: Tatsächlich wünsche ich mir noch mehr Teilhabemöglichkeiten im Sonntagsgottesdienst; die Kirchen könnten da noch kinderfreundlicher gestaltet sein. An manchen Orten gibt es schon Mal-, Lese- oder Kuschelecken in der Kirche hat, wo man sich etwas separiert mit seinem Kind aufhalten kann, gleichzeitig aber auch den Großteil des Gottesdienstes verfolgen kann. Solche Angebote sind sehr wichtig und ich würde sie mir flächendeckend wünschen, auch in großen Kirchen. Damit Kirchen Orte werden, an die man auch mit kleinen Kindern gerne gehen kann, ohne das Gefühl haben zu müssen zu stören. Das Modell der Eltern-Kind-Cafés ist wirklich gut, da gibt es tolle Vorbilder. Wenn die noch ein bisschen mehr Schule machen würden, wäre das super. In den Kirchengemeinden haben wir die Familienzentren, die sind schon gut vernetzt sind und an einem Ort auch Angebote der Lebens- und Familienberatung bündeln. Hier und da habe ich den Eindruck, dass das alles noch besser beworben werden könnte, sodass mehr Mütter mitbekommen, was es da alles gibt. Um Einsamkeit nicht nur zu bekämpfen, sondern schon präventiv an der Wurzel zu arbeiten. Was mir auch noch einfällt, sind so genannte Drop-in-Angebote, also niedrigschwellige Angebote. In Hessen gibt es diese Drop-in-Angebote beispielsweise von der "Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie", wo oft auch katholische Familienzentren involviert sind. Da kann man einfach ohne Anmeldung hingehen, braucht kein Geld, kommt einfach hin und trifft andere Mütter. Dort stehen auch Fachkräfte bereit, mit denen man persönlich über Probleme sprechen kann. Ich glaube, bei solchen Dingen ist die Kirche immer noch in der Pole Position.

Messdiener mit Weihrauchfass
Bild: ©KNA/Lukas Barth (Symbolbild)

Vorbilder prägen unsere Rollenvorstellungen, sagt Sabine Diabaté. "Wenn wir in der Kirche sind, schauen wir nach vorne. Dann schauen wir auf die Messdiener: Sind da Mädchen und Jungen?"

Frage: Sie sprechen sich auch für eine Ent-Ideologisierung von Mutterschaft aus.  Da haben die Kirchen jahrhundertelang eher konservative Rollenmuster propagiert, einen vorsichtigen Wandel erleben wir erst seit etwa 50 Jahren. Wo sehen Sie in dieser Hinsicht Entwicklungspotential, speziell auch für die katholische Kirche?

Diabaté: Wir lernen immer von Vorbildern, von dem, was wir sehen. Wenn wir in der Kirche sind, schauen wir nach vorne. Dann schauen wir auf die Messdiener: Sind da Mädchen und Jungen? Wir schauen: Wer steht am Altar? Stehen da auch Frauen? Haben diese Frauen eine tragende Rolle bzw. eine sprechende Rolle? Das sind alles Bilder, die in die Gemeinschaft hinein und in unserer Gesellschaft stark wirken. An der Stelle kann Kirche den Wandel und die Gleichstellung federführend mit vorantreiben. Auch in der christlichen Geschichte, in der Bibel, haben Frauen immer schon eine zentrale Rolle gespielt. Wenn sich das heute noch stärker in den Kirchen und am Altar widerspiegeln würde, fände ich das großartig. Ich glaube, da ist noch Luft nach oben.

Frage: Sie touren gerade durch die Medien und sprechen über die Einsamkeit von Müttern, weil gerade Ihr Buch "Mutterseelenallein" herausgekommen ist. Sehen Sie das als Chance, Aufklärungsarbeit für ein Thema zu leisten, das viele noch gar nicht auf dem Schirm haben?

Diabaté: Das ist die Intention meines Buches. Ich wollte aufklären, ich wollte natürlich auch meine persönliche Geschichte und die Vielfalt an Mutterschaftserfahrungen, die ich gemacht habe, mit den Erkenntnissen aus meiner Forschung verknüpfen und damit Aufklärungsarbeit leisten. Im Idealfall, das ist natürlich mein großer Wunsch, will ich zum Gespräch anregen und die Debatte um Gleichstellung weiter vorantreiben helfen.

Frage: Es geht dabei nicht "nur" um die betroffenen Mütter. Es geht um die ganze Gesellschaft. Warum?

Diabaté: Einsamkeit ist das undemokratischste Gefühl, das man haben kann, weil es mit Rückzug, mit mangelnder Verbundenheit und Nähe und am Ende auch Solidarität einhergeht. Eine Gesellschaft basiert doch auf Gemeinsinn, auf Miteinander und auf Nähe; deswegen ist Einsamkeit ein so problematisches Gefühl.  Mütter sind dabei für mich auch als Forscherin besonders spannend zu beobachten, weil sich an Mutterschaft gute sämtliche Schieflagen unserer Gesellschaft abbilden lassen. Und es zeigt sich sehr deutlich, wie schwierig soziale Teilhabe ist, wenn man in Fürsorgepflicht ist.

Von Hilde Regeniter