Aufarbeitung im Jungeninternat

Studie: Teils massive Gewalt im Studienseminar Traunstein

Veröffentlicht am 08.10.2026 um 18:39 Uhr – Lesedauer: 

Traunstein/Frankfurt am Main ‐ Eine Studie hat Gewaltvorwürfe im Jungeninternat in Traunstein untersucht, auf dem einst auch der spätere Papst Benedikt XVI. zur Schule ging. Verschiedene Gewaltstrukturen gab es bis in die 1980er Jahre.

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Ehemalige Schüler am Studienseminar Sankt Michael in Traunstein haben laut einer neuen Studie "teils massive Gewalt" an der Schule erlebt. "Im gesamten Untersuchungszeitraum kam es zu verschiedenen Formen von Gewalt", sagte Judith Dubiski, Autorin der Studie, bei der Vorstellung am Donnerstag. Das Team hatte Gewaltvorwürfe zwischen 1960 und 1990 untersucht und dafür über eineinhalb Jahre lang mit Betroffenen gesprochen und Akten ausgewertet.

Den Zeitraum hatte das Forschungsteam gewählt, da sich hier Berichte von Betroffenen gehäuft hatten. Der spätere Papst Benedikt XVI. (2005–2013) war als Joseph Ratzinger von 1939 bis 1945 hier zur Schule gegangen. Über diese Zeit gibt es keine Aussagen. Die Schule galt einst als katholische Kaderschmiede.

Psychische, körperliche, spirituelle und sexuelle Gewalt im Jungeninternat

Betroffene hätten dem Forschungsteam am häufigsten über psychische und körperliche Gewalt berichtet – darunter Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen und Essenszwang – auch von eigenem Erbrochenen. Auch geistlichen Machtmissbrauch – meist von Direktoren – habe es gegeben. Dies habe ihn "über Jahrzehnte in meinem Selbstwert geschadet", erzählte Georg Rieperdinger, der als Betroffener in der Leitungsgruppe die Umsetzung der Studie mitbegleitet hatte. Er habe lange nicht erkannt, dass die Vorgänge im Studienseminar psychische und spirituelle Gewalt waren.

In drei Fällen wurde von sexualisierter Gewalt durch Erwachsene und in einem Fall von sexualisierter psychischer Gewalt berichtet. Unter den Tätern seien Präfekten, Direktoren und andere Geistliche gewesen, die mit dem Seminar zusammenarbeiteten. Johannes Koch, ebenfalls Betroffener, erlebte sexualisierte Gewalt bei einem Schulangebot im Kloster Maria Eck. Das Studienseminar sei nicht direkt daran beteiligt gewesen. Doch die Gleichgültigkeit der Präfekten gegenüber Problemen der Jugendlichen habe in seinem Fall die Grundlage für sexualisierte Gewalt gebildet. Das System "hat uns nicht geschützt".

Der Münchner Generalvikar Christoph Klingan bei einer Pressekonferenz
Bild: ©KNA/Robert Kiderle (Archivbild)

Entschuldigte sich im Namen der Kirche bei den Betroffenen: Generalvikar Christoph Klingan.

"Die Fälle sind ganz unterschiedlich", sagte Dubisk bei der Vorstellung. Daher lägen über den gleichen Zeitraum sehr positive Berichte, aber auch Gewalterzählungen vor. Es habe sich nicht um ein System der Gewalt gehandelt. Gleichzeitig sei die Gewalt keine zufällige Abweichung gewesen. Sie "stand in Zusammenhang mit den Strukturen und Bedingungen im Seminar" und habe "oftmals ungehindert passieren können". Das Forschungsteam führt die Gewalt auf die mangelnde pädagogische Ausbildung der Präfekten und ein enormes Machtgefälle zwischen den Geistlichen und Schülern zurück. Weder das Bayerische Kultusministerium noch die Erzdiözese München und Freising hätten ihre Heimaufsicht wahrgenommen.

Studienleiter und Generalvikar sprechen über Fortschritte seit 1990

Wolfgang Dinglreiter, aktueller Stiftungsdirektor des Studienseminars Sankt Michael, sprach bei der Vorstellung der Studie davon, dass die Ergebnisse bereits im Seminar analysiert worden seien. Das aktuelle Schutz- und Präventionskonzept sei mit den Strukturen von damals, die die Gewalt begünstigten, abgeglichen worden.

Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, entschuldigte sich im Namen der Kirche bei den Betroffenen und nannte die Studie einen "weiteren wichtigen Schritt in der Aufarbeitung von Gewalt in der Kirche in unserem Erzbistum".

Die rund 180-seitige Studie steht unter dem Titel "Wenn Du mitläufst, dann geht es…". Grundlage waren Interviews und Fallstudien mit 34 betroffenen und nicht-betroffenen ehemaligen Schülern und sechs früheren Präfekten und Schwestern, sowie Archivunterlagen. Die Studie wurde vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main durchgeführt. (chd)