Standpunkt

Von guten Mächten – und von der Pflicht zum Widerstand

Veröffentlicht am 04.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 

Bonn ‐ Heute wäre Dietrich Bonhoeffer 120 Jahre geworden. Zu diesem Anlass kommentiert Schwester Maria Gabriela Zinkl: Wer heute fordert, Kirche müsse "unpolitisch" sein, habe Bonhoeffer nicht verstanden.

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"Von guten Mächten wunderbar geborgen …", schon als Jugendliche hat mich dieses Lied tief berührt. Erst später lernte ich, aus welcher Nacht diese Worte geboren wurden. Aufgewachsen im Nachbarort, gehörte ein Ausflug ins ehemalige KZ Flossenbürg, damals eine Art Parkanlage, zum jährlichen Besucherprogramm. Bis heute läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter, dort in der Arrestzelle und am Hinrichtungsort Bonhoeffers zu stehen. Faszinosum et tremendum – heilige Nähe und grauenvolle Realität zugleich. Zugleich ist da ein Gedanke, der vor Wut brennt: Nie wieder. Neuerdings beschleicht mich ein neues Gefühl: Was braut sich da wieder über unseren Köpfen zusammen?

Am 4. Februar jährt sich der Geburtstag des großen evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer zum 120. Mal. Das Große an ihm: Er war kein Gelehrter im Elfenbeinturm, er war Seelsorger, Widerständler und Märtyrer. Er war einer, der begriff: Christsein heißt nicht zuschauen und nicken, sondern aufstehen. "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist", schrieb er 1944. Und bereits im April 1933 mahnte er, man müsse nicht "nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen" (April 1933). Viele haben seine privaten und theologischen Texte analysiert und sind zum Ergebnis gekommen: Bonhoeffers Denken ist Evangelium mit Haltung.

Der Studentenpfarrer und Theologieprofessor durchschaute die politische Gefahr von rechts früh. In Vorlesungen in den USA und in Deutschland Anfang der 1930er Jahre warnte er vor dem totalitären Geist. Als er am 1. Februar 1933, zwei Tage nach Hitlers Machtergreifung, in einer Radioansprache vor dem aufkommenden Führerkult warnte ("Wandlungen des Führerbegriffs"), wurde ihm kurzerhand das Mikrofon abgeschaltet. Wer heute fordert, Kirche müsse "unpolitisch" sein, hat Bonhoeffer nicht verstanden.

Seine Warnung vor der "billigen Gnade" trifft und betrifft uns bis heute: Ein Glaube, der nichts kostet, ist wertlos. Eine Verkündigung ohne Nachfolge, ohne Kreuz, ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus bleibt lau. Wer Christus folgt, wird unbequem – kirchlich, gesellschaftlich und politisch.

In einer Zeit, in der Menschenverachtung wieder salonfähig wird, in der Angst Wahlen gewinnt und Wahrheit relativiert wird, braucht es keine frommen Floskeln der Beschwichtigung, sondern geistlichen Mut. Dietrich Bonhoeffer erinnert uns mit seinem Leben, seinem Tod und jeder Zeile seiner Texte daran: Christliche Hoffnung ist kein Rückzug, sondern Widerstand gegen alles, was dem Leben widerspricht.

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.