Standpunkt

Etwas ist faul am sakramentalen Automatismus

Veröffentlicht am 16.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Oliver Wintzek – Lesedauer: 

Bonn ‐ Eine Bischofsweihe innerhalb der Piusbruderschaft ist "unerlaubt, aber gültig"? Oliver Wintzek blickt zurück, wie es zu dieser Vorstellung kam und schreibt, was für Forderungen sich daraus für ihn ergeben.

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Die Ankündigung unerlaubter Bischofsweihen der reaktionären Piusbruderschaft lenkt neben den Anfragen an deren inhaltlichen Positionen das kritische Augenmerk auf eine problematische Konstruktion der Sakramententheologie – ich nenne es zugespitzt den sakramentalen Automatismus, wie er sich aus der bemerkenswerten Vorstellung von "unerlaubt, aber gültig" ergibt. Diese fiel nicht vom Himmel, sondern ist Ergebnis theologischer Konflikte.

Die Spurensuche führt in das Jahr 314, wo in Arles die Frage debattiert wurde, ob eine Ordination durch einen fragwürdigen Spender wirklich eine Ordination ist. Um hier Sicherheit zu gewährleisten, erging eine folgenschwere Entscheidung, dass nämlich die Weihe auch unabhängig von der kirchlichen Integrität des Spenders "gültig" erfolgt, sie mithin nicht zu wiederholen sei, was sich dann in der Sprachregelung Ausdruck verschafft, es werde ein "unauslöschliches Prägemal" verliehen. Damit forcierte die Theologie ein rein formales Verständnis des Weihesakramentes, bei dem bekenntnismäßige Kirchenzugehörigkeit, persönliche Eignung und eventuelle Verbrechen (Stichwort sexueller Missbrauch) letztlich außen vor bleiben. Einmal ordiniert heißt automatisch immer ordiniert, sofern dies formal korrekt vollzogen wurde.

Unterfüttert wird diese Logik mit Aussagen, sakramentales Denken sei von funktionalem Denken zu trennen. Ausgeblendet wird hierbei der – etwa bei Boethius – anzutreffende Hinweis, persönliche Würdigkeit verleihe dem Amt Ansehen, nicht verleihe das Amt Würde. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht jedoch ein Passus Innozenz‘ III. von 1201, wonach offensichtlicher "Wahnsinn" das "unauslöschliche Prägemal" verunmögliche.

Damit wird in verhaltener Weise gegen den sakramentalen Automatismus das Kriterium der kirchlichen Eignung benannt, das bei der Piusbruderschaft das Schibboleth ist – und nicht nur bei dieser. Zuletzt wäre zu beherzigen, was bereits 1901 der renommierte Kirchenrechtler Johann Friedrich von Schulte formulierte: "Die Theorie erklärte und begründete als fundamental, was sich faktisch herausgebildet hatte." Geänderte Fakten erfordern eine neue Theorie!

Von Oliver Wintzek

Der Autor

Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.