Standpunkt

Erwachsenentaufen in Frankreich – Hoffnungszeichen für Deutschland?

Veröffentlicht am 26.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Pater Stefan Kiechle SJ – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Kirche in Frankreich meldet einen beachtlichen Anstieg an Erwachsenentaufen. Pater Stefan Kiechle schaut sich die Zahlen genauer an: Ist das wirklich ein Boom? Wie sieht es bei uns aus? Erste Indizien bemerkt er schon.

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Frankreich ist ein säkularisiertes Land, mehr als Deutschland. Von den 18- bis 29Jährigen erklärten sich 2008 noch 43 Prozent als katholisch, 2020 nur noch 25 Prozent. Für alle überraschend ist aber die Zahl der Taufen Erwachsener (über 18 Jahre) in letzter Zeit sehr gestiegen: von 4.468 in 2020 (davon waren 20 Prozent 18 bis 25 Jahre alt) auf 10.000 in 2025 (davon 42 Prozent 18 bis 25 Jahre alt).

Große Freude. Kündigt sich da ein Turnaround an? Endlich aufatmen? Kirche wird wieder populär und jung, der Aufschwung kommt? Etwas Zurückhaltung ist freilich angezeigt: Die Gesamtzahl der Taufen in Frankreich ging von 400.000 (im Jahr 2000) auf 200.000 (in 2023) herunter. Die "Rückgewinnung" nichtgetaufter Kinder durch eine spätere Erwachsenentaufe ist also nach wie vor gering. Zum Vergleich eine Zahl aus Deutschland: Die Zahl der (katholischen) Taufen Erwachsener (ab 14 Jahren!) veränderte sich von 3.240 (in 2016 ) auf 1.548 (in 2020, der Einbruch teilweise coronabedingt) und auf 2.075 (in 2024).

Wie ist die Entwicklung für Frankreich zu deuten? Der gegenwärtige Aufschwung ist noch neu, und es gab manches Auf und Ab in den letzten Jahrzehnten. Insgesamt gibt es eine Hinwendung junger Menschen zur Religion: zu evangelikalen Kirchen, zum eher konservativen Katholizismus, auch deutlich zum Islam – eine Suche vorrangig nach Radikalität, nach dem Absoluten? Nach Sicherheit in einem festen sozialen Korpus mit klaren Regeln? Manche der Neugetauften wenden sich übrigens bald wieder ab von Glaube und/oder Kirche. Die Deutung ist daher nicht einfach: Freuen darf man sich über die neue Attraktivität von Glaube und Kirche für junge Menschen, aber zugleich gilt es abzuwarten, ob und wie beständig, wirksam und prägend diese anfängliche Bewegung sein wird. Können in einer diffusen, krisengeschüttelten Welt der alte Christglaube und seine Institutionalisierungen wieder mehr Halt geben, neu orientieren, auf Größeres hin ausrichten?

Und Deutschland? Man hört, in den taufkatechetischen Kursen gebe es derzeit mehr Menschen, vor allem jüngere; mir selbst fällt auf, dass in Sonntagsgottesdiensten in Citykirchen zuletzt mehr junge Männer zu sehen sind – beides ist meines Wissens statistisch (noch) nicht belegt. Es wäre ein Hoffnungszeichen – geht uns Frankreich voran?

Von Pater Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.