Applaus, Tränen und die Frage nach der Zukunft

Katholikentag im Zeichen von Reformen und Krisen

Veröffentlicht am 16.05.2026 um 16:00 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Endspurt am Samstag: Beim Katholikentag in Würzburg prallen Reformhoffnung, Frust und politische Debatten aufeinander. Zwischen Applaus, Tränen und klarer Kante gegen Rechts ringt die Kirche um ihre Zukunft.

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Der Samstagvormittag in Würzburg beginnt mit einer Enttäuschung. Vor dem Matthias-Ehrenfried-Haus in der Bahnhofstraße steht ein älterer Mann und blickt auf die lange Schlange vor dem Eingang. Hunderte Menschen warten geduldig auf Einlass. Sie wollen hören, wie es mit dem Synodalen Weg weitergeht und ob die Vorsitzenden vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und Bischofskonferenz Antworten auf die offenen Reformfragen haben. Der Mann sagt zu einigen Wartenden nur trocken: "Das wird heute wohl nichts mehr."

Viele bleiben dennoch gelassen, manche zucken mit den Schultern, andere lachen. Wenig später zeigt sich: Der Mann hatte recht. Schon auf dem Weg in den Saal wird klar, wie groß das Interesse an den Debatten ist. Das Matthias-Ehrenfried-Haus ist rappelvoll, selbst bis zur Tür ist kaum noch ein Durchkommen möglich. Ausgerechnet dort – benannt nach dem Würzburger Bischof Matthias Ehrenfried, der später wegen seiner Haltung gegenüber dem NS-Regime als "Widerstandsbischof" bekannt wurde – wird nun über die Zukunft der katholischen Kirche diskutiert. Über Reformen, gesellschaftliche Umbrüche und den Umgang mit der AfD.

"Meine Hoffnung und meine Freude"

Unter Applaus betreten schließlich der – noch – Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer und die ZdK-Vorsitzende Irme Stetter-Karp den Saal. Bevor die Diskussion beginnt, stimmen die Besucherinnen und Besucher das Lied "Meine Hoffnung und meine Freude" an. Passender hätte der Auftakt kaum sein können – gerade mit Blick auf die stockenden Reformprozesse und die Zukunft der geplanten Synodalkonferenz.

Wilmer bemüht sich um Zuversicht. Er glaube weiterhin daran, dass der Vatikan dem Reformprojekt der Kirche in Deutschland zustimmen werde, auch wenn die Entscheidung länger dauere als erwartet. Er habe intensive Gespräche mit mehreren Dikasterien in Rom geführt, auch mit dem Staatssekretariat unter Kardinal Pietro Parolin. Die sogenannte Recognitio lasse zwar weiter auf sich warten, sagte Wilmer. Zugleich warnte er davor, die Verzögerung vorschnell als Ablehnung zu deuten. "Ich bin zuversichtlich in Geduld", formulierte er es.

Irme Stetter-Karp und Bischof Heiner Wilmer sprechen auf einem Podium
Bild: ©KNA/Katharina Gebauer

Wie geht es weiter mit dem Synodalen Weg? Zu dieser Frage diskutieren ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp und Bischof Heiner Wilmer.

Immer wieder wird die Diskussion von Applaus unterbrochen. Besonders eindrücklich ist ein Moment, als Stetter-Karp der katholischen Kirche eine strukturelle Benachteiligung von Frauen vorwirft. "Die Art, wie die katholische Kirche verfasst ist, hat leider das Patriarchat nicht verlassen", sagt sie. Noch immer herrsche in der Kirche das männliche Geschlecht über das weibliche. Deshalb stießen Reformen bei Sexualmoral und Frauen in sakramentalen Ämtern auf erbitterten Widerstand.

Besonders still wird es im Saal, als Stetter-Karp von persönlichen Anfeindungen im Zusammenhang mit der Abtreibungsdebatte berichtet. Sie spricht von Schmähungen und Drohbriefen, von der "schlimmsten Hatz", die sie erlebt habe. Ein Kommentar sei ihr besonders im Gedächtnis geblieben: Ihre Mutter hätte sie "lieber nicht geboren". Für einen Moment herrscht Stille im Saal. Stetter-Karp ringt sichtbar mit den Tränen. Erst nach einigen Sekunden geht die Diskussion weiter.

Auch die AfD wird zum Thema. Auslöser ist die Debatte um die sogenannte Brandmauer, die zuletzt auch in kirchlichen Kreisen diskutiert worden war. Stetter-Karp macht deutlich, dass das ZdK der Partei bewusst keine Bühne bieten wolle. "Wir waren der Überzeugung, dass wir ihnen keine Bühne geben werden und wollen", sagt sie unter lautem Applaus: "Wir bieten ihnen keinen Raum für ihre Demagogie." Die Partei arbeite nicht mit Fakten – "aber das war ihnen immer egal".

Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Diskutierte auf dem Katholikentag mit Bischof Georg Bätzing: Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

Auch Wilmer findet klare Worte. Es dürfe nicht hingenommen werden, dass Aussagen wieder salonfähig würden, die an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erinnerten. "Wir dürfen nicht schweigen", sagt der Bischof. Tatsächlich zieht sich die Sorge um die gesellschaftliche Entwicklung wie ein roter Faden durch den Katholikentag. Mehrfach ist von einer historischen Ironie die Rede: Ausgerechnet die katholische Kirche sehe sich heute in der Rolle, die liberale Demokratie verteidigen zu müssen – obwohl sie sich über Jahrhunderte schwer mit ihr getan habe. So formuliert es sinngemäß auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx.

"Es muss sich was ändern!" – unter dieser Überschrift diskutieren später auch der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Bätzing fordert mehr selbstloses Handeln in Kirche und Gesellschaft. Der Limburger Bischof verweist auf Studien des Heidelberger Sinus-Instituts, wonach nur noch rund 30 Prozent der Menschen in Deutschland optimistisch auf die Zukunft blickten. Genau darin liege eine Gefahr: Autoritäre Parteien versprächen einfache Antworten auf komplexe Krisen.

Bätzing spricht von "Epochenbruch"

Gleichzeitig steht auch die Kirche selbst weiter massiv unter Druck – nicht zuletzt wegen des Umgangs mit Missbrauch und Vertuschung. Bätzing spricht deshalb von einem "Epochenbruch". Es brauche mehr Vertrauen, mehr Mut und mehr Menschen, die Verantwortung übernehmen. Luisa Neubauer hält dagegen, vielen fehle inzwischen die gesellschaftliche Vision für die Zukunft.

Wie groß der Diskussionsbedarf innerhalb der Kirche ist, zeigt sich in Würzburg an vielen Stellen. Nicht nur bei den großen Podien, sondern auch bei Gottesdiensten und kleineren Veranstaltungen. Vor dem Queer-Gottesdienst bildet sich erneut eine lange Schlange. Mehr als 200 Menschen wollen dabei sein. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach mehr Sichtbarkeit und Anerkennung queerer Christinnen und Christen – und damit erneut eine Frage, die die katholische Kirche in Deutschland weiter beschäftigen dürfte.

Von Mario Trifunovic