Reformdruck und Einheit: Kardinal Grech beim Katholikentag

Klare Signale aus dem Vatikan für die katholische Kirche in Deutschland: Synodalität ist mehr als eine Debatte über Reformen und Mehrheitsentscheidungen. Entscheidend sei die Einheit von Orts- und Weltkirche, sagte Kardinal Mario Grech im Gespräch mit katholisch.de.
Der Generalsekretär der Bischofssynode war Gast beim 104. Katholikentag in Würzburg und nahm gemeinsam mit dem Belgrader Kardinal Ladislav Nemet an einer Podiumsdiskussion zur Synodalität als Strukturprinzip der Kirche teil. Mit dabei waren auch die Generalsekretärin des Synodalen Wegs der katholischen Kirche in Irland, Julieann Moran, die systematische Theologin Birgit Weiler aus Peru sowie Finja Miriam Weber, Mitglied der Synodalversammlung.
Im Gespräch mit katholisch.de äußerte sich Grech auch zur Dynamik der Kirche in Deutschland mit ihrem Synodalen Weg: "Nun, ich weiß, dass die Bischöfe ihr Bestes tun, um die Früchte des Abschlussdokuments der Weltsynode in ihre Ortskirchen zu übertragen." Zudem deutete er an, dass die Ergebnisse des deutschen Synodalen Weges und der Weltsynode künftig stärker zusammengeführt werden könnten. "Wir werden sehen", sagte Grech. Ob der Synodale Weg auch eine Inspiration für den 2021 von Papst Franziskus eingeleiteten weltweiten synodalen Prozess gewesen sei, beantwortete der Kardinal so: "Ich denke, es war eine Inspiration durch denselben Protagonisten: den Heiligen Geist."
Synodalität kein Machtkampf
Während der lebhaften Diskussion im Congress Centrum überbrachte Grech nicht nur den Segen von Papst Leo XIV. Der Kardinal, der im Vatikan für die Weltsynode zuständig ist, warb zugleich für eine "Symphonie der Gemeinschaft" in der Kirche. Synodalität dürfe nicht als Machtkampf oder bloße Entscheidung nach dem Mehrheitsprinzip verstanden werden, sagte er. Im Mittelpunkt stehe das gemeinsame Hören auf den Heiligen Geist. Es gehe nicht um die Summe einzelner Meinungen, sondern um Harmonie – nicht einfach nur um Abstimmungen, sondern darum, dem Geist Raum zu geben, innerhalb gegenseitiger Beziehungen zu wirken.
Weltkirchliche Prominenz auf dem Katholikentag: Kurienkardinal Mario Grech.
In der Debatte war mehrfach von unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Ortskirchen in verschiedenen Kontexten die Rede. Grund genug für die Frage, ob gerade diese unterschiedlichen Tempi ein Problem darstellten. "Ich habe nie gesagt, dass es ein Problem ist", antwortete Grech. Es sei jedoch eine Tatsache – und gelte nicht nur für Deutschland. "Leider konzentrieren wir uns nur auf Deutschland, aber wir haben einen weiten Blick auf die Kirche. Man kann auch andere Erfahrungen feststellen. Es gibt diejenigen, die eine Pause brauchen, die langsamer sind, aber es gibt andere, die einen Anstoß brauchen."
Gemeinsam gehen
Man halte sie nicht auf, sondern lasse sie handeln, deutete der Kardinal an. "Wir müssen gemeinsam gehen und dabei selbstverständlich möglichst das Tempo aller respektieren." Zurück auf dem Podium sagte der Erzbischof von Belgrad, Kardinal Nemet, die Kirche in Deutschland sei eine "starke Kirche", die in der Weltkirche Gewicht habe. Das habe sie sich nicht vererben lassen, sondern selbst erarbeitet, fügte er unter lautstarkem Applaus hinzu. Die synodalen Wurzeln verortete der gebürtige Ungar bei der Würzburger Synode und in der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils – getragen von einer Theologie, die das Lehramt mal kritisiere, mal motiviere und mal herausfordere.
Zugleich betonte Nemet, die Kluft zwischen Klerus und Laien sei in Deutschland geringer als anderswo. Davon könne er als Angehöriger einer katholischen Minderheit im mehrheitlich orthodox geprägten Serbien ein Lied singen. Nur fünf Prozent der Bevölkerung sei dort katholisch. Ein taufbewusstes Kirchenvolk sei dort längst nicht so stark ausgeprägt wie in Deutschland. Doch der Belgrader Kardinal beließ es nicht bei Lob für die Kirche in Deutschland. Der Synodale Weg habe auch Verletzungen hinterlassen, sagte Nemet. Viele Ortskirchen in Osteuropa hätten dies wiederum als Vorwand genutzt, sich mit Synodalität gar nicht erst näher zu beschäftigen.
Nemet betonte, die Kluft zwischen Klerus und Laien ist in Deutschland geringer als anderswo.
Zugleich warnte er davor, auch in Deutschland zu stark in Kategorien von Schwarz und Weiß zu denken, anstatt tatsächlich synodal zu handeln. Mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung appellierte Nemet an die Verantwortlichen, stärker die positiven Erfahrungen hervorzuheben als die sichtbaren Konflikte – auch jene zwischen Bischöfen.
Beharrlich bleiben
Die in Peru lehrende Theologin Birgit Weiler deutete die vielerorts spürbare Ungeduld dagegen als Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit der Kirche. Man sei eingeladen, beharrlich zu bleiben, sagte sie. Julieann Moran aus Irland ergänzte, dass sie in kirchlichen Prozessen weiterhin viel Angst wahrnehme. Die teilweise längeren Vorträge mündeten schließlich in eine lebhafte Diskussion untereinander. Dabei griff Finja Miriam Weber Grechs Bild der "Symphonie" auf und fragte, wer in dieser Kirche eigentlich der Komponist sei – und wer welches Instrument spielen dürfe. Als Frau wisse sie schließlich, dass sie manche Instrumente allein deshalb nicht spielen dürfe, weil sie eine Frau sei.
Lautstarker Applaus setzte den Kardinal sichtbar unter Druck. Grech aber antwortete mit Jesus als Komponisten und dem Heiligen Geist als Dirigenten. Eine weiterführende Diskussion zwischen beiden wurde jedoch abgebrochen, was für Aufregung im Saal und im Nachgang sorgte. Im Anschluss wandte sich der Kardinal dann aber direkt an Weber: "Wir brauchen Leute wie Sie." Solche Fragen würden helfen, das Wort Gottes besser zu verstehen. Am Ende blieb vor allem ein Appell, den Weg gemeinsam zu gehen. Ob sich damit alle zufrieden geben, wird sich zeigen. Offen bleibt auch, welche Auswirkungen das auf die geplante bundesweite Synodalkonferenz haben wird. Derzeit wartet man in Deutschland auf grünes Licht aus dem Vatikan – entsprechende Fragen aus dem Publikum ließ Grech unbeantwortet.