Standpunkt

Katholiken gegen AfD: Mehr "Bollwerk" als es scheint

Veröffentlicht am 18.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Andreas Püttmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die AfD finde auch unter praktizierenden Katholiken Zuspruch, heißt es in einem Kommentar in der "Frankfurter Allgemeinden Zeitung". Andreas Püttmann widerspricht dem: Das "Bollwerk" sei mehr als ein Mythos.

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Wir müssen reden, FAZ! Anlässlich des Katholikentags, der auch Demokratie-Schutz thematisierte, habt Ihr ein "Störgefühl": Angeblich drücken sich "viele Repräsentanten des Katholizismus […] um ein unangenehmes Eingeständnis herum: Auch Katholiken sind mitverantwortlich für jene Entwicklung, der sie mit ihrer Großveranstaltung in Würzburg gegensteuern wollen" – eine Binse, denn für jeden Irrtum oder Missstand der Gesellschaft werden sich "viele" Beispiele unter 19 Millionen Katholiken finden. Glaube ist kein Zaubertrank, der übermenschliche Kräfte verleiht. Der katholische warnt in jeder Messe vor "Verwirrung und Sünde".

Zur AfD-Wahl behauptet die FAZ, der "Mythos" vom "katholischen Bollwerk" sei "gründlich entzaubert worden"; "dass populistische und extremistische Parteien unter praktizierenden Katholiken deutlich weniger Zuspruch als im Bevölkerungsdurchschnitt erhalten […] ist Vergangenheit". Der Stimmenanteil der AfD sei "selbst unter treuen Kirchengängern oft allenfalls geringfügig niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt". Belege? Fehlanzeige!

Angesichts der Menge und argumentativen Gründlichkeit von Unvereinbarkeitserklärungen durch Bischöfe, Sozialethiker, Laiengremien und Verbände überrascht nicht, dass die AfD von Katholiken regelmäßig am wenigsten gewählt wird. Bei der Bundestagswahl waren es 18 Prozent (Protestanten: 20, ohne Konfession: 24). Dass politisch-ethische Ableitungen aus dem Glauben differieren, liegt an Interpretationsspielräumen der Bibel und regionaler Inkulturation. Konkurrierende soziale Einflüsse, persönliche Interessen und Inkompetenz mit Selbstbewusstsein lassen so manchen die Orientierungshilfe durch Kirchenleitungen in den Wind schlagen. Schon in der Weimarer Republik gab es rechtskatholische Geisterfahrer, wie heute. Da muss man hinsehen und gegenhalten. Aber hochschreiben sollte man die Ausnahme nicht.

Dem FAZ-Geraune widerspricht der Zählung einer IfD-Umfrage  vom September: Bei Zweitstimmen-Parteiangabe war fast jeder dritte Konfessionslose (31 Prozent) für die AfD, aber nur jeder zehnte katholische und neunte evangelische Christ mit Kirchgang mindestens "ab und zu". Das ist nicht "geringfügig niedriger" als der Durchschnitt (24 Prozent), sondern auffällig. Mehr "Bollwerk" als "Mythos". Antifaschistisch sind heute nicht nur die im rechten Jargon verpönten "Funktionärskirchen", sondern auch die christliche Abstimmung mit den Füßen.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.