Papst Leo XIV. will Künstliche Intelligenz entwaffnen
Außergewöhnliche Präsentatoren, ein internationales Publikum und ein Papst, der seinem Lehrschreiben persönlich Nachdruck verleiht: Die Vorstellung von Leos XIV. erster Enzyklika "Magnifica humanitas" an Pfingstmontag im Vatikan fand in einem ungewöhnlichen Rahmen statt. Vor Kurienmitarbeitern und ausländischen Diplomaten sprachen nicht nur Kurienkardinäle über das Lehrschreiben, das dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz gewidmet ist.
In die Synodenaula hatte der Vatikan auch zwei Theologinnen geladen – und einen KI-Pionier. Christopher Olah ist Mitgründer des kalifornischen KI-Unternehmens Anthropic und hat auf dem Markt, den der Papst in seiner Enzyklika kritisiert, Milliarden verdient.
Wenige global agierende Unternehmen kontrollierten Kernelemente dieser Technologie – so die Kritik von Leo XIV. – verbunden mit der Warnung vor einem "neuen Kolonialismus". Olah selbst gab sich bei der Präsentation, die mit einer Videoschau begann, selbstkritisch.
KI-Entwickler für Mitwirkung der Kirche
Jedes KI-Labor sei Anreizen ausgesetzt, die im Widerspruch zum ethisch Gebotenen stehen, so der 33-jährige Tech-Pionier. Darum brauche es Außenstehende, die Kritik üben und vor Risiken warnen.
Der gebürtige Kanadier sprach der Kirche dabei eine wichtige Rolle zu, um den Blick auf die Herausforderungen zu lenken, die mit dem Fortschritt von Technologie einhergehen. Ihre Stimme werde etwa gebraucht, wenn es um drohende Arbeitsplatzverluste durch KI gehe.
Die ethischen Fragen nach der Entwicklung der Menschheit und der geistigen Entwicklung von Kindern könne ebenfalls kein KI-Labor beantworten. "Wir brauchen informierte Kritiker, die den Laboren sagen, wenn wir versagen. Wir brauchen moralische Stimmen, die sich von Anreizen nicht beugen lassen."
Volltext von "Magnifica humanitas"
Den kompletten Text der Enzyklika "Magnifica humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" von Papst Leo gibt es auf der Website des Vatikans.
In seinem gut 100 Seiten langen Lehrschreiben "Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" hält Leo XIV. diese Kritik nicht zurück. Er warnt vor einer Entmenschlichung durch verfehlte Nutzung digitaler Technologien und fordert eine breitere gesellschaftliche Kontrolle von KI.
Papst mit klaren Forderungen
Seinen Denkanstößen, Analysen und Appellen in der Enzyklika verlieh er am Ende der rund anderthalbstündigen Präsentation persönlich nochmals Nachdruck. Seine Vorgänger ließen ihre Lehrschreiben in Pressekonferenzen von Kardinälen vorstellen. Diesmal waren Journalisten nur Augen- und Ohrenzeugen, Fragen waren nicht erlaubt.
In seiner gut zehnminütigen Rede betonte Leo XIV. die Notwendigkeit, die Technologie in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. "Fürchten wir uns nicht vor Künstlicher Intelligenz, sondern halten wir die Frage nach dem Menschen stets im Blick", so Leo XIV. "Wir dürfen mit unseren mächtigsten technischen Instrumenten nicht leichtsinnig umgehen."
Er mahnte zur Wachsamkeit. Wenn Technologie den kritischen Sinn schwäche, sei der Frieden selbst in Gefahr. Der Papst forderte eine "Entwaffnung" Künstlicher Intelligenz und verglich diese Forderung mit dem kirchlichen Einsatz für nukleare Abrüstung. Jede große technische Macht, die das Leben der Menschen beeinflussen kann, müsse von einem angemessenen moralischen Urteilsvermögen und öffentlicher Kontrolle begleitet werden.
Abrüstung und Aufbau
Neben Abrüstung gehe es auch um Aufbau: Jeder müsse seinen Teil für ein gerechteres Zusammenleben beitragen und niemand dürfe zurückgelassen werden, so Leos XIV. Appell. "Der Mensch trägt in sich eine Freiheit, eine Innerlichkeit und eine Berufung zur Liebe und Anbetung, die keine Maschine ersetzen oder blockieren kann." Nur mit einer solchen ganzheitlichen Sichtweise könne Künstliche Intelligenz auf das Gemeinwohl ausgerichtet werden.
Am Ende ging er auch auf das Gesprächsangebot von KI-Entwickler Olah ein: Die Kirche wolle an künftigen Debatten über Künstliche Intelligenz teilnehmen. "Wir besitzen keine technischen Antworten und wollen auch nicht diejenigen verdrängen, die über das Fachwissen verfügen. Aber wir bringen eine Weisheit über den Menschen mit, die unsere heutige Zeit dringend braucht", so der Papst. (KNA)
