Ethikerin: Papst hat Stimme der Menschen in KI-Diskurs eingebracht

Mit seiner ersten Enzyklika "Magnifica humanitas" hat Papst Leo XIV. weltweit für Aufsehen gesorgt: Im Zeitalter der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI) plädiert er für Subsidiarität und Solidarität. Aber sind das die richtigen Konzepte? Alexandra Kaiser-Duliba arbeitet als Oberassistentin und Lehrbeauftragte am Institut für Sozialethik ISE der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Sie schreibt gerade an ihrer Habilitation zum Thema Solidarität und Wirtschaftsethik. Im katholisch.de-Interview wirft sie einen Blick auf das Lehrschreiben und das, was daraus folgen könnte.
Frage: Frau Kaiser-Duliba, Papst Leo XIV. begegnet der von multinationalen, von libertären "Tech-Bros" geführten KI-Welt mit dem Konzept der Subsidiarität aus der katholischen Soziallehre des 19. Jahrhunderts. Kann das funktionieren?
Kaiser-Duliba: Das Subsidiaritätsprinzip ist ein angemessenes Mittel, um den Problemen und Herausforderungen sogenannter KI zu begegnen. Die Subsidiarität beinhaltet einerseits das Kompetenzanmaßungsverbot beziehungsweise Verbot der Nichteinmischung und andererseits das Hilfestellungsgebot. Das heißt im Digitalen: Datenströme sollten so dezentral wie möglich organisiert werden. Momentan ist gerade das Gegenteil der Fall: Daten liegen zentral in der Hand weniger Mächtiger, die die Deutungshoheit haben – ohne demokratisch legitimiert zu sein. Das Nichteinmischungsverbot könnte hier heißen: Die Menschen sollen über ihre Daten selbst entscheiden dürfen – und die Mittel dazu bekommen. Erst, wenn jemand damit überfordert ist, soll er Hilfe von einer übergeordneten Instanz bekommen. Da kommt der Staat in die Pflicht. Es geht also hier im Kern darum, dass weder Staaten noch Tech-Oligopole dem Individuum die Handlungsfreiheit entziehen dürfen. Subsidiarität könnte hier ein normatives Korrektiv sein.
Frage: Er spricht auch von Solidarität – inmitten einer libertären Tech-Branche. Inwiefern kann die Enzyklika eine Wirkmacht entfalten in einer Welt, die ihren Werten so diametral entgegensteht?
Kaiser-Duliba: In einer von libertären Akteuren dominierten Tech-Welt, in der zwischen Profit-Maximierung und Transhumanismus ein radikaler Individualismus gelebt wird, mag die Solidarität, die Papst Leo fordert, wie ein Fremdkörper wirken. Gesellschaft ist in dieser Welt nur ein Netzwerk isolierter, nutzenmaximierter Knotenpunkte. Da legt der Papst den Finger in die Wunde: Er macht Subsidiarität und Solidarität als Strukturprinzipien des Zusammenlebens für das Gemeinwohl auch im digitalen Raum stark. Sie sind die Antwort auf den Egoismus in der digitalen Ökonomie. Gerade in dem Kontrast aus Egoismus und Solidarität liegt die Stärke des Textes. Viel zu oft steht heute die Macht des Marktes im Vordergrund – in Politik und Gesellschaft. Dagegen stellt die Enzyklika Menschen in den Fokus, die gegenseitig aufeinander angewiesen sind. Wer Algorithmen entwickelt, ohne die Schwachen und Vulnerablen systematisch mitzudenken, schließt sie aus – und dieser Entwicklung muss entgegengewirkt werden.
Frage: Der Papst halt mit seiner Enzyklika also bereits etwas erreicht?
Kaiser-Duliba: Er hat die Stimme der Menschen – auch der unterprivilegierten – in den KI-Diskurs eingebracht. Der Papst spricht vielen aus der Seele, die einfach keine Mittel haben, um sich einzubringen. Jetzt wäre es wünschenswert, wenn sich andere Protagonisten aus Religion und Gesellschaft mit einbringen und so den pluralen Diskurs stärken. Diese Enzyklika ist also eine Chance, an die man anknüpfen kann.
Die Menschheit im Zeitalter der Digitalität steht im Zentrum der Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV.
Frage: Sollte die Kirche jetzt selbst aktiv werden?
Kaiser-Duliba: Die Kirche ist jetzt unbedingt in der Pflicht, aktiv zu werden und die Gunst der Stunde zu nutzen. Sie hat einen jahrtausendealten Erfahrungsschatz in Sachen Anthropologie und Wertvermittlung – da darf sie sich weder selbst kleinreden noch kleinreden lassen. Nur Dokumente verfassen reicht da nicht. Es muss etwas passieren. Die Kirche muss ihre Reichweite und Autorität nutzen, um beispielsweise als Mediatorin aufzutreten oder Bildungsarbeit zu leisten. Das kann der Gesellschaft Orientierung geben und etwa Gesetzesinitiativen lancieren oder unterstützen. Mit dem EU-IA-Act, der sogenannte KI regulieren will, gibt es schon erste Ansätze. In den letzten Jahren sind viele Lehrstühle für digitale Ethik entstanden – da entwickelt sich also etwas! Das unterstützt der Papst.
Frage: Die KI-Entwicklung ist mitten im Gange – und sie ist schnell. Kommt die Enzyklika zu spät?
Kaiser-Duliba: Sie kommt keine Sekunde zu früh, aber auch nicht zu spät. Die Menschheit ist sich mittlerweile der Tragweite dieser neuen Technologie bewusst. Wäre die Enzyklika vorher gekommen, hätte die breite Masse noch gar nicht recht einschätzen können, was das denn eigentlich bedeutet. Wir sind noch früh genug dran, um den fatalen Auswirkungen der KI-Entwicklung zu begegnen.
Frage: Kann der Papst denn etwas bewegen?
Kaiser-Duliba: Zu sagen, dass er das nicht könnte, ist in meinen Augen fataler Zynismus. Er ist nicht naiv. Die Kirche hat Mittel und Möglichkeiten, auch heute, auch in der digitalen Welt etwas zu bewegen. Wir müssen jetzt aktiv werden und mutig, verantwortungsvoll und kritisch vorangehen. Denn noch können wir mitgestalten und uns als Weltgemeinschaft einbringen. Es gibt Beispiele, wo das funktioniert hat: Man denke etwa an die Internationale Atomenergiebehörde oder das internationale FCKW-Verbot. Wir können auf eine gesamtgesellschaftliche Einigung hoffen, die Welt ist nicht hoffnungslos! Die Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen.
„Wir haben einen Schrei in die Welt gehört – und der wird von ganz unterschiedlichen Kreisen aufgenommen und trifft auf offene Ohren.“
Frage: Die Enzyklika spricht viele Themen an. Welche fehlen noch?
Kaiser-Duliba: Ich habe mich über den Text sehr gefreut und darüber, wie viel Weitsicht der Papst an den Tag gelegt hat. Etwas zu kurz gekommen ist mir der Bereich der Gesundheitsethik, wo es um wirklich vulnerable Menschen geht und die Tragweite von sogenannter KI sehr breit ist. Da hätte Papst Leo noch einen stärkeren Fokus drauf legen können. Weiterhin hätte er die Auswirkungen von Fake News auf demokratische Prozesse noch intensiver beleuchten können. Insgesamt ist das aber ein sehr umfassendes Werk, das den wissenschaftlichen Stand und Fokus abdeckt.
Frage: Die Enzyklika hat auch über kirchliche Kreise hinaus schon für Aufmerksamkeit gesorgt. Was sollte die Kirche jetzt tun, um diesen Moment zu nutzen?
Kaiser-Duliba: Der Diskurs muss jetzt aufrechterhalten werden. Wir haben einen Schrei in die Welt gehört – und der wird von ganz unterschiedlichen Kreisen aufgenommen und trifft auf offene Ohren. Dieses Vokabular und Instrumentarium für den Umgang mit der digitalen Welt, diese ethischen Referenzpunkte müssen jetzt aus der Enzyklika heraus vertieft und konkretisiert, also auf das Leben angewendet werden. Das bedeutet auch, konkrete Regulierungsmechanismen zu erarbeiten. Also viel Arbeit für Ethikerinnen und Ethiker.
Frage: Also eine Art vatikanischer KI-Rat?
Kaiser-Duliba: Unbedingt. Aber den brauchen wir nicht nur im Vatikan, sondern auf weltweiter Ebene. Wir brauchen eine weltweite Instanz, um sogenannte KI zu regulieren. Denn aus der Big-Tech-Welt wird Gegenwind kommen – und der ist nicht zu unterschätzen. Aber so eine Instanz zu etablieren, ist möglich und etwa bei der Atomenergie bereits geschehen. In einer Welt pluraler Ethiken heißt es für uns als Theologinnen und Theologen, diese Chance zu nutzen und uns einzubringen – denn Menschen wollen eine menschenzentrierte KI. Wir können dafür sorgen, dass sie menschendienlicher wird.