Was will der Mensch bauen? Leo macht die Soziallehre gegenwartsfest
Der Mensch ist nicht perfekt. Und das ist gut so. Papst Leo XIV. stellt in seiner ersten Enzyklika “Magnifica humanitas” die vermeintliche Perfektion "Künstlicher Intelligenz" wie die trügerischen Hoffnungen, das Menschliche durch technische Hilfsmittel zu übersteigen, gegen ein Loblied auf den Menschen, der ist, wie er nun einmal ist, und gerade deshalb menschlich ist – in seinen Möglichkeiten zum Guten wie zum Bösen, in seinen Höhen, Tiefen und Abgründen, und vor allem: in seiner Würde.
Die erste Enzyklika Leos XIV. ist eine Sozialenzyklika, klar eingebettet in das Programm, das schon am Tag seiner Wahl klar war. Der vierzehnte Leo unterzeichnete die Sozialenzyklika am 135. Jahrestag der ersten päpstlichen Sozialenzyklika seines Namenspaten Leo XIII. An den Anfang seiner Enzyklika stellt Leo XIV. daher einen historischen Rückgriff – aber nicht nur ins 19. Jahrhundert und die soziale Frage dieser Zeit, sondern in biblische Zeiten.
Gleich zu Beginn ruft Leo zwei Bilder menschlicher Baustellen auf, die er heute für paradigmatisch hält. Die ersten, den Turmbau zu Babel, dürften die meisten kennen. Die Menschen wollen einen Turm bis hinauf zu Gott bauen, doch ihre Hybris wird bestraft. Verwirrung kommt über sie, sie verlieren die gemeinsame Sprache. Die zweite Baustelle ist wohl weniger bekannt: Das Volk Israel kommt aus dem babylonischen Exil zurück und findet Jerusalem in Trümmern. Nehemias nimmt die Sache in die Hand und baut Jerusalem auf – nicht allein, sondern indem er das Volk organisiert und allen zutraut, das zu tun, was sie am besten können. “Er schreibt keine Lösungen von oben vor. Er versammelt die Familien, weist jeder einen Mauerabschnitt zum Wiederaufbau zu, hört sich ihre Ängste an, koordiniert ihre Bemühungen und stellt sich Widerständen entgegen”, erzählt der Papst die Geschichte nach.
Turm zu Babel oder Stadt Gottes?
Diese beiden paradigmatischen Geschichten sieht Leo als Wegweiser für die Antwort auf die Fragen, vor der die Menschheit heute steht: "Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen."
Mit der Geschichte von Nehemia hat Papst Leo XIV. in der Schrift ein Beispiel für Subsidiarität gefunden, eines der grundlegenden Prinzipien der katholischen Soziallehre. Es besagt, dass höhere Instanzen sich einer Sache nur dann annehmen sollen, wenn die niedrigere Ebene das nicht kann. So sorgt das Subsidiaritätsprinzip dafür, dass Entscheidungen und ihre Umsetzung nahe der Basis bleiben und dabei von der Instanz geleistet werden, die dazu am besten in der Lage ist, und Freiheit und Selbstorganisation gegenüber staatlicher Steuerung priorisiert wird. Auch wenn das Thema der Künstlichen Intelligenz das Thema ist, anhand dessen die Enzyklika die sozialen Fragen unserer Zeit diskutiert, geht es nicht um eine bloße KI-Ethik. Es geht darum, wie christliche Sozialethik heute wirksam werden kann.
Papst Leo XIV. und Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, bei der Vorstellung der Enzyklika.
Wenn Leo sich ausführlich der Geschichte päpstlicher Sozialverkündigung widmet und jeden einzelnen seiner Vorgänger seit Leo XIII. würdigt, die dazu beigetragen haben, geht es ihm darum, die Entwicklung zeitloser, aber nicht zeitenthobener Prinzipien zu schildern und den Lernfortschritt der Kirche in der Ausfaltung ihrer Soziallehre zu zeigen.
Dazu entwickelt der Papst die hergebrachten Sozialprinzipien weiter und diskutiert, was sie heute bedeuten. Dabei handelt es sich weniger um eine Entwicklung einer Bereichsethik auf Grundlage der Sozialprinzipien, etwa eine Ethik der Digitalisierung, sondern um eine Verheutigung der Sozialprinzipien unter den Bedingungen der Digitalität.
Würde im Zentrum
Über allem steht das Personalitätsprinzip, die menschliche Würde. "Im Zentrum der christlichen Sicht des Menschen steht die großartige Aussage, dass Mann und Frau als Bild und Abbild des dreifaltigen Gottes geschaffen sind", leitet Leo die menschliche Würde ein. Um Fragen der Geschlechteranthropologie geht es dabei nicht, auch wenn die Schöpfungserzählung dafür – auch vom Lehramt – dafür gerne verwendet wird; überhaupt bleiben Fragen von Geschlechtsidentität und Sexualethik, anders als vor zwei Jahren in der Note "Diginitas infinita" des Glaubensdikasteriums weitgehend außen vor. Das muss keine Abkehr davon bedeuten; wohl aber eine Akzentverschiebung hin zu den Themen, die Leo wirklich wichtig sind. Schon in seiner Aussage zum deutschen Segenspapier hatte er jüngst zu Protokoll gegeben, dass er seine Prioritäten nicht in sexualethischen Fragestellungen sieht.
Mit der Würde hält Leo die Menschenrechte hoch, die er direkt aus dem theologischen Würdebegriff entwickelt. An einer Stelle zählt er die Schritte der säkularen Entwicklung der Menschenrechte in einer Form auf, wie ansonsten oft kirchliche Lehrentwicklung anhand von kirchlichen Dokumenten geschildert wird. Leo betont, dass Menschenrechte nichts sind, "was dem Menschen von außen her zukommt, sondern eine geschichtliche Form, in der die ihm innewohnende Würde zum Ausdruck gebracht wird, die zu schützen und zu fördern die internationale Gemeinschaft aufgerufen ist". Vor dem Horizont solcher Aussagen dürfte noch klarer als ohnehin sein, dass mit Leo kein Dialog mit der Piusbruderschaft nach deren Konditionen, nämlich der Relativierung der Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Menschenrechten und Religionsfreiheit, möglich sein wird.
Die einzelnen Sozialprinzipien aktualisiert der Papst, in dem er nach einer allgemeinen Darstellung jeweils besondere Ausprägungen in der Digitalität nennt; zur Gerechtigkeit gehört nicht nur die Sozialpflichtigkeit des physischen Eigentums, sondern auch bei Immaterialgütern wie Patenten. Subsidiarität denkt er anhand der Digitalwirtschaft durch und stellt fest, dass das Prinzip dahingehend aktualisiert werden muss, dass nicht mehr nur die Gefahr des alles beherrschenden Staats in den Blick kommen muss, sondern auch jeder wirtschaftliche Akteur, "der faktische Macht über die Bedingungen des gemeinsamen Lebens ausübt".
Volltext von "Magnifica humanitas"
Den kompletten Text der Enzyklika "Magnifica humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" von Papst Leo gibt es auf der Website des Vatikans.
So wie das Subsidiaritätsprinzip Anforderungen an staatliche Akteure stellt, muss nun nach Leo auch klar sein, dass dieselben Maßstäbe an die Privatwirtschaft gelegt werden müssen, die wesentliche gesellschaftliche Infrastrukturen bereitstellt und strukturiert und damit quasistaatliche Funktionen wahrnimmt. "Subsidiarität verlangt, dass solche Prozesse nicht von oben auf undurchsichtige und einseitige Weise aufoktroyiert werden, sondern durch Transparenz, Verantwortlichkeit und echte Formen der Teilhabe (unabhängige Überprüfungen, Transparenz bei Algorithmen, gerechten Zugang zu Daten, Rechtsbehelfsmöglichkeiten) auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind."
Ein Maßstab dieser Regulierung ist für den Papst das Solidaritätsprinzip. Solidarität verlange, "dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen".
Keine Zukunftsszenarien, sondern unsere Gegenwart der Digitalität
Ein weiterer ist die soziale Gerechtigkeit: Wo die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit durch private Netzwerke und Plattformen gestaltet wird, braucht es ein Augenmerk auf Teilhabe: “Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker.”
Papst Leo XIV. zählt die "ganzheitliche Entwicklung" zu den Sozialprinzipien; ein umfassender Begriff als der der Nachhaltigkeit, der oft in den Kanon der Sozialprinzipien aufgenommen wird. In diesem Kontext betont der Papst, dass Technologien nie neutral sind und je nach Einsatz andere Folgen zeitigen. Maßstab der Bewertung müsse daher ihr Beitrag zu einer ganzheitlichen Entwicklung sein: "Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen?"
Der Papst macht damit die Sozialprinzipien gegenwartsfest. Was er als Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz und die Digitalität allgemein sieht, ist jetzt schon die Realität, mit der die Kirche umgehen muss. In seinen Vorschlägen bleibt er in der Spur seiner Vorgänger, die von multilateralen Institutionen und einer gerechten Ordnung durch gute Strukturen überzeugt waren. Schon Papst Johannes XXIII. setzte in seiner Friedensenzyklika “Pacem in terris” (1963) große Stücke in die Vereinten Nationen als Weltautorität.
Papst Leo XIV. betont die "ganzheitliche Entwicklung" als Sozialprinzip.
Bei Papst Leo XIV. kommen nun Aufforderung zur politischen Regulierung des Tech-Sektors und der Datenwirtschaft dazu. Auch wenn die Enzyklika keine vertiefte technische Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz ist, zeigt sich doch ein tiefes Durchdringen der technischen Hintergründe. Originell und erhellend ist die Feststellung, dass KI-Modelle nicht "gebaut" werden, sondern gewissermaßen "gezüchtet": Die Prozesse zum Training und wie eine KI im Detail zu ihren Ausgaben kommt, ist von großer Intransparenz geprägt. Die aus verschiedenen KI-Ethik-Kodizes bekannte Forderung der Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen ist damit kaum sicherzustellen.
Für den Papst liegt es fern, daraus technoutopisch den Schluss zu ziehen, dass künstliche Intelligenz der menschlichen überlegen ist und sich der Mensch daher mit diesen intransparenten Prozessen abfinden muss. Er betont, dass es auf die Gestaltung der Technologie ankommt. Es genüge nicht zu fragen, ob ein Werkzeug zum Guten oder zum Schlechten eingesetzt wird, man müsse vielmehr "auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten".
Das Geschwindigkeitsargument zieht für Leo nicht: "Move fast and break things", das berühmte Facebook-Motto, ist nicht seins. Wohl aber stellt der Papst fest, dass die technische Entwicklung allzu oft die ethische und rechtliche Reflexion dieser Entwicklung weit hinter sich lässt. Er will in diesen Situationen mehr als nur allgemeine Appelle an Ethik: "Es bedarf angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, unabhängiger Aufsicht, Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht. Andernfalls wird der Wandel nur von technokratischen Logiken bestimmt und als notwendig und unvermeidlich dargestellt, was letztendlich dazu führt, dass Regeln durchgesetzt werden, die von denjenigen diktiert werden, die über Daten, Infrastruktur und Rechenkapazitäten verfügen."
Regulierung statt "Move fast and break things"
Im Blick dabei sind nicht nur die KI-Systeme und ihre Anwendung, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie entstehen und betrieben werden. "Nichts ist in der Welt der KI immateriell oder magisch", heißt es dazu später: "Jede scheinbar unmittelbare und perfekte Antwort entspringt einer langen Kette von Vermittlungen, einem ausgedehnten Netzwerk aus natürlichen Ressourcen, Energieinfrastruktur und vor allem Menschen." Schon deshalb ist der Einsatz von KI-Systemen nicht neutral.
Die Forderung, Strukturen zu schaffen, die die Sozialprinzipien im digitalen Zeitalter für digitale Güter, Datenflüsse und Machtkonstellationen durchsetzen, sollte nicht vorschnell als utopisch abgetan werden. Vor allem die Europäische Union mit ihrer vielfältigen Daten-Gesetzgebung, von der Datenschutzgrundverordnung über Regulierungen für digitale Dienste bis zur KI-Verordnung, hat erste Ordnungsrahmen entwickelt. Dazu kommen zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich teils seit Jahrzehnten für gerechte Teilhabe einsetzen. Es gibt eine Vielzahl von Akteuren der digitalen Zivilgesellschaft, die mit den Vorstellungen Leos zur Digital-Governance gut zusammenpassen: Von weltumspannenden Projekten wie der Wikipedia, über von unten her aufgebaute Lizenzwerken für freie Software und freies Wissen wie das Projekt "Creative Commons" und die Open-source-Bewegung oder dem dezentralen Aufbau der Entwicklung von Digitalstandards, die die digitale Öffentlichkeit bis hinunter auf die Systemebene der technischen Netzwerke in konsensual orientierten Entscheidungsfindungsprozessen aushandeln, bis hin zu kleineren, auch kirchlichen Akteuren wie der deutschen Initiative "Digitale Nachhaltigkeit", die sich für eine Erschließung der Wissensallmende in kirchlichen Einrichtungen einsetzt.
Es genüge nicht zu fragen, ob ein Werkzeug zum Guten oder zum Schlechten eingesetzt wird, man müsse vielmehr "auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten", schreibt Leo.
Päpstliche Sozialverkündigung ist immer dann stark, wenn sie die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums deutet. Je konkreter diese Deutungen ausformulierte Maßnahmen nach sich ziehen, desto größer wird die Gefahr allzu schnellen Urteilens. Die allgemeinen Linien überzeugen, kleinteilige vorgeschlagene Maßnahmen oft weniger.
Päpstliche Lehrdokumente neigen dazu, gegen Ende in Details auszufasern, die im Zuge der Subsidiarität vielleicht besser an anderer Stelle aufgehoben wären, um sie dort mit der gebotenen Tiefe zu analysieren. Beispiele dafür finden sich im vierten Kapitel. Dort wird etwa knapp festgestellt, dass es gesetzgeberische Maßnahmen brauche, um Altersgrenzen im Internet festzulegen. Eine Reflexion, was die wenige Zeilen zuvor getroffene Feststellung, dass das Digitale "keine parallele oder rein virtuelle Welt" sei, sondern "nunmehr Teil des Lebens der Menschen, insbesondere der Jüngeren", und was allzu einfache Forderungen, junge Menschen ausschließen zu wollen, bleibt aus – ebenso wie die Auswirkungen von Altersgrenzen, die vermeintlich allein dem Schutz junger Menschen dienen, auf alle Menschen, die dann durch die nötigen Alterskontrollen überwachbar werden, und damit auf die offene digitale Gesellschaft.
Dass es auch anders geht, zeigt der Abschnitt über die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt, der kurz danach kommt. Hier nimmt der Papst wieder den Gedanken der Subsidiarität auf und betont, dass die Lösungen auf die Sozialen Fragen vergangener Zeiten auch nicht einfach dekretiert wurden, sondern in Reflexions- und Aushandlungsprozessen entwickelt wurden, an denen Gewerkschaften und andere zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligt waren. Konkrete Vorschläge beschränken sich darauf, die Einführung von KI in der Arbeitswelt durch Maßnahmen zu flankieren, die den Schutz der Beschäftigung, die Umschulung von Arbeitnehmern und die betriebliche Mitbestimmung im Blick haben – welche Maßnahmen das im Detail sind, bleibt klugerweise offen, betont wird aber, dass sie "überprüfbar" sein müssen.
Sozialprinzipien auch innerhalb der Kirche?
Ein großes Verdienst der Enzyklika ist, die Subsidiarität als Sozialprinzip stark zu machen. Das geht auch mit gewissen Paradoxien einher; allerdings keinen, die erst mit dieser Enzyklika offenbar geworden sind.
Die hierarchische Struktur der Kirche steht in Spannung zu ihrer eigenen Soziallehre – und wie die Ausführungen Leos zur Synodalität zeigen, gilt das nicht nur, wenn man die Analysekategorien für die "Welt", für die Gesellschaft auf die Kirche anlegt und so den Einwand provoziert, dass das eben getrennte Kategorien für zu unterscheidende Wirklichkeiten sind. Wenn Leo Subsidiarität zu einem "Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens" erklärt und die "Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen" anerkennen und unterstützen will, dann wendet der Papst selbst die Ansprüche der Kirche an die gerechte Gesellschaft auf die Kirche an.
Angesichts der stets sorgfältigen Unterscheidung zwischen Beratung und Entscheidung, die Rom gegenüber dem Synodalen Weg starkgemacht hat und mit der die erste Reihe der Kurienkardinäle synodale Gremien verhindert haben, die auch nur den Anschein echter Beschlussfassungskompetenz haben, verwundert ein Satz Leos wie dieser: "Konkret erfolgen die Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Mitverantwortung in der Mission über Gremien tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung." Wenn der Papst das ernstmeint, muss er die Satzung der Synodalkonferenz ablehnen, weil sie viel zu zögerlich ist und diesem Anspruch kaum gerecht wird.
"Magnifica humanitas": Enzyklika zur Verteidigung der Menschlichkeit
Seit 135 Jahren begleiten die Päpste den industriellen Fortschritt mit Kritik und Ratschlägen. Eine Sozialenzyklika ist dafür die umfassendste und feierlichste Form. Eine solche hat Leo XIV. nun veröffentlicht.
Bei "Magnifica humanitas" handelt es sich eigentlich um eine Doppelenzyklika. Das fünfte Kapitel widmet sich der Frage von Krieg und Frieden. Zwar wird auch dort die Veränderung der Kriegsführung durch KI-Technologien aufgegriffen, eigentlich ist es aber ein weitgehend getrenntes Schreiben. Damit droht, dass angesichts der Neurartigkeit päpstlicher Soziallehre unter den Bedingungen Künstlicher Intelligenz die Konstante des Einsatzes der Kirche für den Frieden unterzugehen droht.
Dabei hat der abrupte Themenwechsel doch eine gewisse Stringenz: Wie schon der weitaus umfangreichere Teil zu KI trägt auch hier das Thema der beiden biblischen Bauvorhaben: Menschliche Hybris und Machtstreben gegen die Kraft des gemeinsamen Arbeitens am Guten.
Angesichts der drängenden Weltlage wollte der Papst wohl nicht warten, ein eigenes großes Dokument zum Frieden zu veröffentlichen. In seinen Ausführungen zeigt er sich als wacher Beobachter der Mechanismen einer ins Absurde abdriftenden Weltgemeinschaft. "Religiöser Extremismus und identitätsbasierter Fanatismus verbünden sich mit irrationaler Wirtschaftspolitik, während die Politik mit Leichtigkeit zur Desinformation, zur Verhöhnung des Gegners und zum systematischen Schüren von Ängsten und Ressentiments greift", analysiert Leo, ohne die naheliegenden Namen zu nennen, die Dynamiken.
Einer der letzten Fürsprecher des Multilateralismus
Papst Leo XIV. macht sich damit – weiterhin – unter den Staatsmännern und -frauen zu einem der letzten verbliebenen Fürsprecher für eine regelbasierte Weltordnung, die Urteile über Mittel nicht allein an den Maßstäben der Nützlichkeit für Macht und Geld misst. Der Papst klagt über eine Kultur, die "Konflikte normalisiert und rechtfertig" und sieht darin ein gefährliches Eskalationspotential: "Was heute undenkbar erscheint, kann morgen aufgrund von Nutzen- oder Sicherheitskalkülen akzeptabel werden."
Leo stellt dagegen die Aufgabe, eine "Zivilisation der Liebe" aufzubauen. Dass das naiv klingt, weiß er selbst. Er verweist aber auf die christliche Hoffnung und warnt davor, sich angesichts allzu überwältigender Probleme hoffnungslos machen zu lassen: "Es ist eine elegante Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt ist", wendet er sich gegen Resignation. Sein Ansatz dafür sind fünf Vorschläge zum Handeln: "Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben."
Die Ansätze des Papstes für den Frieden sind ein wichtiger Beitrag gegen die Resignation: Sie zeigen, wo jeder und jede einzelne beginnen kann. Leo setzt damit an der Erfahrung von Selbstwirksamkeit an. Mit seiner ersten Enzyklika will Papst Leo viel. Er macht ein enormes Tableau an Themen auf und bringt die päpstliche Sozialverkündigung auf die Höhe der Zeit. Indem am Schluss die fünf Ansätze zur Mitwirkung am Frieden stehen, steht etwas am Ende, was aktiviert und alle zu Bauleuten am gemeinsamen Projekt der wunderbaren Menschheit macht: "Jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut", zitiert Leo am Schluss den ersten Korintherbrief.
