Demokratie lebt von Versöhnung – und Kirche hilft dabei
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Auf jedes Gewitter folgt die Sonne. Eigentlich. Diese Bauernschläue kommt in den Konflikten unserer Zeit an ihre Grenzen. Zu einfach ist die absolute Vernichtung durch Staaten oder der Rückzug ins Private im Individuellen. Das Ringen im Streit um den Kompromiss ist in Demokratien kultiviert – und wird zugleich vom Populismus ausgehebelt. Der Ton wird schärfer, das Misstrauen wächst. Fast jeder Konflikt scheint neue Gräben zu ziehen. Dass sich in Teilen selbst Ministerien den Auftrag gesellschaftlichen Zusammenhalts in den eigenen Namen schreiben, deutet darauf hin, wie groß die Sehnsucht ist, dass Institutionen Verantwortung für den Zusammenhalt übernehmen. Sie mögen das Miteinander stärken, Vertrauen schaffen und die Gesellschaft versöhnen.
Das aber überfordert den Staat. Er kann Sicherheit gewährleisten, Recht durchsetzen und faire Verfahren organisieren. Er kann Freiheit schützen und den Streit zivilisieren. Versöhnung aber kann er nicht verordnen. Sie entsteht nicht durch Gesetze, Programme oder Haushaltsbeschlüsse. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, die Haltung des anderen zu akzeptieren und Schuld Vergebung entgegnen zu setzen.
Versöhnung lebt von Sinn. Sie braucht die Überzeugung, dass ein neuer Anfang möglich ist – auch im Angesicht all dessen, was (ungerecht) geschehen ist. Solche Sinnressourcen entstehen nicht im ministeriellen Handeln. Sie wachsen in Familien, Vereinen, Bildungseinrichtungen und Religionsgemeinschaften. Und jeder kennt seine Angewiesenheit auf die Vergebung des anderen, weil jeder weiß, wie es sich anfühlt, Fehler gemacht zu haben. Gerade das Christentum verfügt über einen jahrtausendealten Erfahrungsschatz der Versöhnung. Umkehr und Vergebung sind als Grundvoraussetzungen fest bis ins Sakramentale, also Zeichenhafte, hinein verankert, um Versöhnung zu ermöglichen. Diese Begriffe mögen alt klingen. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist hochaktuell. Denn eine Demokratie lebt nicht allein von Institutionen. Sie lebt von genau diesen Tugenden.
Wo Kirche durch ihre Gläubigen und reflektierenden als auch caritativen Institutionen Räume schafft, in denen Menschen einander neu begegnen können, erfüllt sie einen Dienst, den nur wenige sonst übernehmen können.
Dies ersetzt nicht das kluge (kirchen)politische Handwerk, das in den Krisen unserer Zeit politische Antworten bietet. Dauerhaft überwunden werden sie aber nur, wenn es gelingt, den sozialen Kitt unserer Gesellschaft zu erneuern. Die Friedensstifter*innen unserer Zeit sind Versöhner*innen. Übrigens auch in der Kirche. Denn sie schaffen eine entscheidende Gelingensbedingung für das Zusammenleben der Vielheit in Einheit.
Der Autor
Dr. Thomas Arnold baut im Leitungsstab des Sächsischen Staatsministeriums des Innern den Bereich strategische Planung, Organisationsentwicklung und Controlling auf. Zuvor leitete er von 2016 bis 2024 die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.
