Vergangenheit als Autor im rechten Milieu

Geläuterter Priester: Die AfD will die Demokratie aushöhlen

Veröffentlicht am 03.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Pfaffenhofen an der Roth ‐ Georg Alois Oblinger war als Autor lange im rechten Milieu aktiv. Heute warnt der Priester und Rektor der Gebetsstätte Marienfried vor der AfD und einer Vermischung von Christentum und rechter Politik. Ein Interview.

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Georg Alois Oblinger kennt das rechte Milieu aus eigener Erfahrung. Der Priester und Rektor der Gebetsstätte Marienfried im Bistum Augsburg schrieb einst für die "Junge Freiheit" und arbeitete für Götz Kubitschek. 2011 verhängte der damalige Augsburger Bischof Konrad Zdarsa dann ein Schreibverbot gegen Oblinger. Heute ist er überzeugt: Das Stoppschild hat ihn vor einem weiteren Abdriften nach rechts bewahrt. Im katholisch.de-Interview spricht Oblinger über die AfD, den Rechtsruck und rechte Tendenzen im katholischen Milieu.

Frage: Herr Oblinger, Sie waren lange Zeit publizistisch im rechtskonservativen und auch rechtsextremen Milieu aktiv – unter anderem für die "Junge Freiheit" und das Umfeld des Rechtsextremisten Götz Kubitschek. Was hat Sie damals an diesem Milieu angezogen?

Oblinger: Man könnte von einem Sog sprechen, der langsam begann. Ich habe schon vorher immer wieder über kulturelle und literarische Themen geschrieben. Eine Bekannte machte mich dann eines Tages auf die "Junge Freiheit" aufmerksam. Ich begann, sie zu lesen und schließlich auch für die Zeitung zu schreiben. Nach und nach bin ich dann in dieses Milieu hineingeraten, habe wichtige Namen und irgendwann auch die dazugehörigen Personen kennengelernt. So kam eines zum anderen.

Frage: Haben Sie damals selbst gemerkt, dass Sie sich politisch immer weiter nach rechts bewegten?

Oblinger: Nein. Ich glaube, man braucht für eine solche Erkenntnis und eine Umkehr immer einen Anstoß von außen, der einem die Augen öffnet. Irgendein Ereignis oder eine Person muss einen aufmerksam machen, sodass man denkt: Moment mal, in diese Richtung darfst du nicht mehr weitergehen.

Frage: Bei Ihnen gab Ihnen der damalige Augsburger Bischof Konrad Zdarsa diesen Anstoß. Er erteilte Ihnen Ende 2011 ein Schreibverbot für die "Junge Freiheit". Was hat dieses Verbot bei Ihnen ausgelöst?

Oblinger: Zunächst war ich enttäuscht und deprimiert und habe mich gefragt, wie es weitergeht. Dann habe ich mein Verhältnis zum Bischof überdacht und mich dabei auch an mein Weiheversprechen als Priester erinnert. Dem habe ich meine Aktivitäten in den Medien gegenübergestellt. Und da war für mich klar, auf welcher Seite ich stehen muss und welche Botschaft ich vertreten muss. Und das ist die Botschaft der Kirche.

„Nach dem Schreibverbot gab es im Internet viele Stimmen, die mich vermeintlich verteidigen wollten. Und anhand dieser Stimmen bin ich eigentlich noch mehr aufgewacht.“

—  Zitat: Georg Alois Oblinger

Frage: Ist Ihnen durch dieses Stoppschild des Bischofs überhaupt erst bewusst geworden, in welchem Umfeld Sie damals publizistisch tätig waren?

Oblinger: Ja, das kann man so sagen.

Frage: Gab es noch etwas, das Ihnen damals die Augen geöffnet hat?

Oblinger: Ja. Nach dem Schreibverbot gab es im Internet viele Stimmen, die mich vermeintlich verteidigen wollten. Und anhand dieser Stimmen – weit überwiegend aus dem rechten Lager – bin ich eigentlich noch mehr aufgewacht. Ich habe gesehen, wer mich da verteidigt und was diese Leute teilweise sonst so von sich gegeben haben. Da habe ich gedacht: Stopp, da werde ich jetzt wirklich vereinnahmt und irgendwo hingedrängt, wo ich absolut nicht hinwill.

Frage: Wenn Sie heute Ihre damaligen Texte lesen: Wie bewerten Sie sie?

Oblinger: Zunächst: Der Bischof und die Diözese haben nie inhaltlich etwas an meinen Texten kritisiert. Vielleicht waren sie teilweise etwas einseitig, und ich würde heute auch die Themenauswahl anders treffen. Grundsätzlich möchte ich mich aber von keinem meiner damaligen Texte distanzieren. Aber: Durch das Publizieren in den erwähnten Medien bin ich in ein Milieu hineingeraten, in dem auch viele Scharfmacher am Werk waren. Diesen bin ich teilweise auf den Leim gegangen. Ich nehme aber für mich in Anspruch, dennoch immer eine gewisse Distanz bewahrt zu haben, weil ich, wie gesagt, hauptsächlich über kulturelle und literarische Themen geschrieben habe. Das hat mich vielleicht vor einer allzu starken Vereinnahmung bewahrt.

Bild: ©privat

Pfarrer Georg Alois Oblinger ist seit 2018 Rektor an der Gebetsstätte Marienfried bei Pfaffenhofen an der Roth.

Frage: Einer der "Scharfmacher", für die Sie publizistisch tätig waren, war, wie schon erwähnt, Götz Kubitschek, ein zentraler "Vordenker" der rechtsextremen Szene. Wenn Sie heute darauf zurückblicken: Was empfinden Sie dabei? Abscheu?

Oblinger: "Abscheu" wäre ein zu starkes Wort. Aber von dem Gedankengut, das Herr Kubitschek verbreitet, möchte ich mich ganz deutlich distanzieren. Ich erschrecke heute manchmal, wenn ich daran denke, dass ich mich einst in diesem Milieu bewegt habe. Umso dankbarer bin ich Bischof Zdarsa, dass er mir damals das notwendige Stoppschild gesetzt und mir dadurch die Augen geöffnet hat.

Frage: Schauen wir auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Bei beiden Wahlen kann die AfD mit sehr starken Ergebnissen rechnen. Was macht Ihnen dabei am meisten Sorgen?

Oblinger: Mir macht Sorgen, dass wir alle gebannt wie das Kaninchen auf die Schlange schauen und keiner weiß, was man tun kann. Manchmal wird gefordert, die AfD in Regierungsverantwortung kommen zu lassen, damit sie sich selbst entzaubert. Aber: Diese These hat 1932 schon der damalige Reichskanzler Franz von Papen vertreten und damit eigentlich erst das Regime von Adolf Hitlers möglich gemacht. Was man wirklich gegen die AfD tun kann, weiß ich nicht. Als Christen können wir hoffen und beten. Manche unterschätzen die Gefahr, die von der AfD ausgeht, viel zu leichtfertig. Ich sehe vor allem die Problematik, dass die Partei das Meinungsklima nachhaltig beeinflusst und bestimmte Themen und Begriffe für sich vereinnahmt und in ihrem Sinne deutet. Die AfD nutzt die Mittel der Demokratie, aber genau dadurch soll die Demokratie ausgehöhlt und letztlich abgeschafft werden.

Frage: Was sagt es über die gesellschaftliche Stimmung aus, wenn eine Partei, die in mehreren Bundesländern als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft ist, in gleich zwei Bundesländern stärkste politische Kraft werden könnte?

Oblinger: Ich habe die Vermutung, dass die großen Erfolge der AfD gerade in der ehemaligen DDR auch damit zusammenhängen könnten, dass dort nur ein sehr geringer Prozentsatz Christen lebt.

„Ich sehe viele Wähler der AfD eigentlich als Opfer, die dieser Partei und ihrem Personal auf den Leim gehen.“

—  Zitat: Georg Alois Oblinger

Frage: Die AfD ist allerdings längst nicht mehr nur ein rein ostdeutsches Phänomen ...

Oblinger: ... aber die Zustimmung zur AfD ist im Osten immer noch deutlich höher als Westen. Aber natürlich sehe ich, dass sich in unserer Gesellschaft insgesamt viel verändert hat. Mir hat unter anderem auch die Corona-Pandemie die Augen geöffnet. Ich habe damals versucht, die staatlichen und kirchlichen Vorgaben zum Infektionsschutz sehr gewissenhaft umzusetzen, und bin dadurch zum Hassobjekt der Querdenker-Szene geworden und wurde teilweise massiv angegriffen. Man bezeichnete mich als "Maskenfanatiker" und "Impffanatiker" und unterstellte mir alles Mögliche. Ich glaube, die Corona-Pandemie hat die Spaltung unserer Gesellschaft weiter verschärft. Und die AfD versucht bis heute, das für sich zu nutzen. Ein weiterer Faktor sind die sozialen Medien. Dort werden einem vor allem Beiträge empfohlen, die den eigenen Beiträgen ähneln. Dadurch entstehen Blasen, in denen sich gerade radikale Dinge stark verbreiten. Ich glaube, die sozialen Medien radikalisieren und polarisieren unsere Gesellschaft. Das müssen wir als Gefahr erkennen.

Frage: Viele AfD-Wähler verstehen sich selbst nicht als rechtsextrem, sondern als konservativ, patriotisch oder als Protestwähler. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen konservativem Denken und einer Entwicklung nach rechts außen?

Oblinger: Ich sehe viele Wähler der AfD eigentlich als Opfer, die dieser Partei und ihrem Personal auf den Leim gehen. Menschen wählen die AfD aus ganz unterschiedlichen Gründen: Manche identifizieren sich mit dem Gedankengut und den Zielen der Partei, andere sind einfach unzufrieden, haben vielleicht wirtschaftliche Probleme oder wählen aus Trotz. Das sollte man nicht alles über einen Kamm scheren. Extremistisch wird es dort, wo man sich völkisches Gedankengut zu eigen macht. Das ist aber sicher nicht bei jedem AfD-Wähler der Fall.

Frage: Lohnt es sich also noch, mit AfD-Wählern ins Gespräch zu kommen?

Oblinger: Man sollte es zumindest versuchen. Natürlich gibt es Menschen, die so stark ideologisiert sind, dass Reden keinen Wert hat. Aber den einen oder anderen erreicht man vielleicht doch. Es gibt inzwischen auch Menschen, die aus der AfD ausgetreten sind oder sagen: Ich habe sie gewählt, würde sie aber nicht mehr wählen. Es gibt also noch Menschen, die nachdenken.

Die gefalteten Hände eines Bischofs bei einem Gottesdienst
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Die Erklärung "Völkischer Nationalismus und Christentum" der deutschen Bischöfe von 2024 lobt Oblinger als wichtige Orientierungshilfe.

Frage: Auch in der katholischen Kirche fühlen sich manche Menschen von der AfD oder anderen rechten Bewegungen angezogen. Wo sehen Sie die wichtigsten Schnittmengen zwischen katholisch-konservativen Positionen und der politischen Rechten?

Oblinger: In Frankreich gibt es schon lange eine enge Verflechtung zwischen dem rechtsextremen Rassemblement National und der Piusbruderschaft. Ich denke, dass solche Verbindungen inzwischen auch in Deutschland stärker sichtbar werden. Die AfD versucht aktiv, an kirchlich-konservative Menschen und Gruppen, vor allem im katholischen Milieu, anzuschließen.

Frage: An welche Themen knüpft die AfD dabei besonders an?

Oblinger: Vor allem an das Lebensrechtsthema, also die Abtreibungsdiskussion. Aber auch an die Sexualmoral, etwa an die Bewertung von Homosexualität oder den Umgang mit queeren Menschen. Wenn man dann jedoch andere wichtige Themen und die katholische Position dazu anspricht – etwa mit Blick auf den Klimawandel, die soziale Gerechtigkeit oder die Migration –, wird das von denselben Leuten meist als "woke-grünes Gedankengut" geschmäht. Die AfD versucht immer stärker zu definieren, was christliche Themen und christliche Auffassungen sind. Sie hat dabei jedoch einen höchst selektiven Blick auf das Christentum.

Frage: Die deutschen Bischöfe haben 2024 erklärt, dass rechtsextreme Parteien wie die AfD für Christen nicht wählbar seien. Wie bewerten Sie diese Positionierung? Wenn man auf die AfD-Umfragen guckt, muss man sagen, die Erklärung war weitgehend wirkungslos, oder?

Oblinger: Kirchliche Wortmeldungen haben heute natürlich nicht mehr das Gewicht, das sie noch in früheren Zeiten hatten. Dennoch sind sie wichtig, weil sie Orientierung geben. Ich jedenfalls habe mich schon oft auf diese Erklärung der Bischöfe berufen. Das Besondere an dieser Äußerung war für mich, dass alle Bischöfe geschlossen dieses Papier verabschiedet haben. Niemand kann einen anderen Bischof ins Feld führen, der eine andere Meinung vertritt. Alle stehen hinter dieser Erklärung. Das macht diese Wortmeldung so stark.

„Wir dürfen uns als Kirche auf keinen Fall in der Sakristei einschließen und nur noch über geistliche Themen sprechen.“

—  Zitat: Georg Alois Oblinger

Frage: Manche konservative Katholiken sehen eine solche Abgrenzung als politische Einmischung der Kirche. Was entgegnen Sie?

Oblinger: Die Äußerungen Jesu waren in gewisser Weise auch immer politisch. Wir dürfen uns als Kirche auf keinen Fall in der Sakristei einschließen und nur noch über geistliche Themen sprechen. Das Christentum hat immer Auswirkungen auf das Leben und die Gesellschaft. Wir haben als Kirche eine Stimme – und die dürfen wir uns von niemandem verbieten lassen.

Frage: Sie kennen das rechte Milieu aus eigener Anschauung und haben selbst erlebt, wie man sich politisch immer weiter nach rechts bewegen kann. Was würden Sie heute einem jungen Katholiken sagen, der sich von der AfD oder dem rechten Milieu angezogen fühlt?

Oblinger: Man muss zunächst einmal zuhören: Was fasziniert ihn daran? Manchmal kann man durch Rückfragen oder indem man bestimmte Punkte näher beleuchtet, jemanden zum Nachdenken bringen. Ich glaube, so hat auch Jesus mit den Menschen gesprochen. Viele junge Menschen fühlen sich von rechten Bewegungen oder Parteien angezogen, weil wir in einer Zeit leben, in der immer mehr im Umbruch ist. Menschen suchen nach etwas vermeintlich Verlässlichem, woran sie sich halten können.

Frage: Was wäre für Sie hier die entscheidende Grenze?

Oblinger: Der Glaube darf nicht von einer politischen Position überlagert werden. Ich darf mein Heil nicht von einer Politik oder von einem starken Mann erwarten, nach dem Motto: "Jetzt kommt endlich einer, der aufräumt und alles Übel beseitigt." Wir müssen uns vielmehr in Gott festmachen!

Von Steffen Zimmermann