Expertin Elsner: Gallagher kam Russland bei Besuch "weit entgegen"

Erstmals seit 2021 ist der vatikanische Außenbeauftragte Paul Richard Gallagher in dieser Woche nach Moskau gereist. Im Interview mit katholisch.de analysiert die Münsteraner Theologin und Ostkirchen-Expertin Regina Elsner die Chancen und Risiken des vatikanischen Engagements im Kontext des Ukraine-Kriegs – und erklärt, warum sie Gallaghers Aussagen nach dem Treffen mit Sergej Lawrow teils kritisch sieht.
Frage: Frau Elsner, der vatikanische Außenbeauftragte, Erzbischof Paul Richard Gallagher, ist in dieser Woche erstmals seit 2021 wieder nach Moskau gereist und hat dort unter anderem mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow gesprochen. Wie bewerten Sie diesen Besuch vor dem Hintergrund des weiterhin andauernden Krieges in der Ukraine?
Elsner: Es handelt sich um einen diplomatischen Besuch, der im Kontext einer ganzen Reihe diplomatischer Reisen von Vertretern verschiedener Länder zu beiden Kriegsparteien steht. Die Bedrohung durch Russland hat in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich zugenommen. Das zeigt sich nicht nur in der Ukraine, wo die Zahl der zivilen Opfer zuletzt so hoch war wie noch nie seit Beginn der Vollinvasion. Auch international gibt es durch Russland Verletzungen des Luftraums, hybride und Cyberangriffe sowie die Sorge vor weiteren Angriffen.
Frage: Welche Rolle spielt der Vatikan in den internationalen diplomatischen Bemühungen?
Elsner: Der Vatikan hat seine unter Papst Franziskus begonnene Friedensmission nie aufgegeben und beteiligt sich nun ebenfalls wieder stärker an den internationalen Bemühungen. Das geschieht allerdings vor allem im Rahmen der humanitären Mission, die vor allem von Kardinal Matteo Zuppi aktiv betrieben wird und offenbar auch bei Gallaghers Gesprächen in Moskau eine wichtige Rolle gespielt hat. Die vatikanische Position, die beim aktuellen Besuch deutlich wurde, entspricht grundsätzlich der politischen Neutralität, die der Vatikan auch bisher schon vertreten hat. Das ist bemerkenswert, weil Gallagher sich in der Vergangenheit eindeutig auf die Seite der Souveränität der Ukraine gestellt hatte.
Frage: Welches Signal sendet der Vatikan mit Gallaghers Reise an Russland?
Elsner: Der Heilige Stuhl möchte deutlich machen, dass er weiterhin als Vermittler in diesem Krieg bereitsteht. Er hofft, auf der Ebene religiöser Diplomatie zusätzliche Kanäle nutzen zu können, die anderen, sicherheitspolitisch involvierten Staaten nicht zugänglich sind. Man will zeigen, dass man sich mit allen verfügbaren Instrumenten für einen Frieden einsetzen möchte. Dazu gehören auch die Wege kirchlicher Diplomatie. Gegenüber Russland ist die Reise sicherlich auch der Versuch, an frühere, vertrauensvolle Beziehungen anzuknüpfen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass auch über die Lage der Katholiken in Russland gesprochen wurde.
Regina Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik am Ökumenischen Institut der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Sie forscht unter anderem zum Verhältnis von Kirche, Politik und Zivilgesellschaft besonders in den Ländern Russland, Ukraine und Belarus.
Frage: Und wie sind die Signale dieser Reise an die Ukraine zu bewerten?
Elsner: Die sind problematischer. Gallagher hat bei der Pressekonferenz nach dem Gespräch mit Lawrow die Verantwortung für Offenheit gegenüber Gesprächen, für ein Ende des Krieges und für zivile Opfer auf beiden Seiten gleichermaßen verortet. Damit kam er Russland weit entgegen. Er hat dadurch nämlich Russlands alleinige Verantwortung für den Krieg und Russlands Blockade bisheriger Gesprächsangebote der Ukraine unterschlagen. Auch das Thema einer von Russland beklagten angeblichen Christenverfolgung in der Ukraine, das bei Gallaghers Gesprächen mit dem Außenamt der russisch-orthodoxen Kirche zur Sprache kam, ist problematisch. Hier zeigt sich der Versuch Russlands, den Vatikan in die eigene Kriegserzählung hineinzuziehen.
Frage: Gallagher betonte, der Ukraine Krieg könne nicht militärisch gelöst werden, und bot nach dem Gespräch mit Lawrow "unsere guten Dienste in jeder hilfreichen Weise an, in der Hoffnung, dass der so sehr herbeigesehnte Frieden so bald wie möglich erreicht werden kann". Was denken Sie: Kann der Vatikan doch noch eine aktive Rolle bei der Beendigung des Krieges spielen?
Elsner: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der Vatikan nicht die entscheidende diplomatische Kraft bei Friedensverhandlungen sein wird. Das hat auch die russische Seite mehrfach ausdrücklich gesagt. Allein Gallaghers Formulierung vom "so sehr herbeigesehnten Frieden" widerspricht der russischen Position. Ebenso der Satz, dass der Krieg nicht militärisch gelöst werden könne. Russland betont immer wieder, dass es keinen Frieden vor einem russischen Sieg akzeptieren werde.
Frage: Was versteht Russland derzeit unter einem solchen Sieg beziehungsweise einem Frieden zu seinen Bedingungen?
Elsner: Der russische Frieden, wie er derzeit formuliert und umgesetzt wird, würde eine Besetzung der Ukraine zu den diktatorischen Bedingungen bedeuten, unter denen schon jetzt Russland und die von Russland besetzten Gebiete in der Ukraine leben. Es wäre fatal, wenn ein solcher Diktatfrieden unter vatikanischer Vermittlung stehen würde. Hinzu kommt: Wenn der Vatikan die Rolle der religiösen Ideologie in diesem Krieg ernst nimmt, kann er als katholischer Akteur nicht darauf hoffen, von orthodoxen Ideologen als Vermittler akzeptiert zu werden. Auch das hat Russland klar formuliert.
„Anders als Franziskus hat sich Papst Leo XIV. dafür entschieden, Russland nicht auf der geistlichen Ebene entgegenzukommen und Russlands Verschwörungstheorien über den liberalen Westen nicht zu unterstützen.“
Frage: Wo kann der Vatikan dann tatsächlich etwas bewirken?
Elsner: Der Vatikan spielt bereits jetzt eine bedeutende Rolle bei humanitären Fragen, etwa beim Gefangenenaustausch und bei der Rückführung ukrainischer Kinder, die völkerrechtswidrig in Russland festgehalten werden. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Humanisierung des Krieges. Und nach einem Friedensschluss wird dies ein wichtiger Baustein für einen gerechten Frieden sein.
Frage: Sie beobachten die vatikanische Ukraine-Politik auch unter Papst Leo XIV. Wie fällt Ihre grundsätzliche Bilanz nach rund 15 Monaten aus? Hat sich gegenüber Franziskus etwas Entscheidendes verändert?
Elsner: Papst Leo XIV. wurde bei seinen ersten Versuchen, im Krieg zu vermitteln, von Russland harsch zurückgewiesen. Seitdem ist die vatikanische Position diplomatisch nüchterner und humanitär eindeutiger geworden. Anders als Franziskus hat sich Papst Leo XIV. dafür entschieden, Russland nicht auf der geistlichen Ebene entgegenzukommen und Russlands Verschwörungstheorien über den liberalen Westen nicht zu unterstützen. Auch jetzt gab es kein Treffen Gallaghers mit dem russischen Patriarchen Kyrill, sondern mit politischen Akteuren und mit dem Außenamt der russisch-orthodoxen Kirche. Diese klare Trennung von Diplomatie und ökumenischen Beziehungen halte ich für wichtig.
Frage: Was bedeutet diese Trennung konkret für Leos Kurs?
Elsner: Leo XIV. zeigt eine eindeutige Solidarität mit der Ukraine und ein klares Einstehen für den Frieden. Mehrere Besuche vatikanischer Diplomaten in der Ukraine seit seinem Amtsantritt haben diese Hinwendung zur Ukraine sehr deutlich gemacht. Das erschwert Russland die Instrumentalisierung des Vatikans. Der jetzige Besuch in Moskau zeigt zugleich, dass das diplomatische Engagement für Verhandlungen kontinuierlich fortgesetzt wird.
Frage: Würden Sie also von einem neuen Kurs unter Leo XIV. sprechen?
Elsner: Es gibt eine erkennbare Akzentverschiebung. Leo XIV. verbindet eine deutlich sichtbare Solidarität mit der Ukraine mit dem fortgesetzten Bemühen, diplomatische Gesprächskanäle offenzuhalten. Der Moskau-Besuch Gallaghers steht insofern nicht für einen Kurswechsel weg von der Ukraine, sondern für das kontinuierliche diplomatische Engagement des Vatikans.