21-Jährige lässt sich taufen: "Will zu Jesus gehören"
"Normalerweise taufen Eltern ihre Kinder, bei mir war das anders", erzählt Mariam Ouazbir. Die 21-Jährige ist in Buchen im Odenwald geboren. Ihre Mutter ist katholisch, ihr Vater gehört dem Islam an und kommt aus Marokko. "Meine Eltern konnten sich nach meiner Geburt einfach nicht einigen, welcher Religion ich angehören soll, daher blieb ich ungetauft", erklärt Ouazbir. Zwar hätte ihre Mutter sie gerne katholisch taufen lassen, aber das ging nicht. Denn dafür brauchte es das Einverständnis beider Elternteile. "Mein Vater hätte aber gerne gehabt, dass ich - wie er - dem Islam angehöre", erklärt die 21-Jährige. So wuchs sie mit beiden Religionen auf und erlebte das als Bereicherung. Auch wenn die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten ihrer Eltern zu Streitigkeiten in der Familie führten, wie sie offen erzählt.
Mariam Ouazbir besuchte als Kind öfters ihre katholische Großmutter mütterlicherseits in Reinheim im Odenwald. Sie ging mit ihr in die Kirche und zu Gottesdiensten. Das tat ihr gut, erinnert sie sich. Ihre Großmutter bestärkte sie darin, sich Zeit zu lassen mit der Entscheidung, welcher Religion sie einmal angehören möchte. Das entlastete sie, sagt die 21-Jährige. "Ich wollte selbst herausfinden, was zu mir passt." Dennoch wuchs sie in den christlichen Glauben hinein, weil sie miterlebte, wie sich ihre Großmutter und ihre Mutter aktiv in der Kirchengemeinde einbrachten. Mariam Ouazbir begann sich schon in der Grundschule für den Religionsunterricht zu interessieren und überlegte sogar, Messdienerin zu werden - so wie ihr Halbbruder, der damals in ihrer Heimatgemeinde in Darmstadt ministrierte. Doch sie traute sich nicht jemanden danach zu fragen, ob das überhaupt möglich wäre. "Ich fühlte mich nicht zugehörig, weil ich nicht getauft war", beschreibt Ouazbir ihr Gefühl damals. Außerdem wollte sie ihren Vater "nicht enttäuschen".
Pfarrer erlaubte ihr, Ministrantin zu werden
Ihrem Religionslehrer, der gleichzeitig ihr Heimatpfarrer war, Pfarrer Markus Fiedler, vertraute sie ihren Wunsch schließlich doch an. Er sagte ihr, dass sie "ausnahmsweise" Messdienerin werden könnte. "Ich habe mich so darüber gefreut", erinnert sich Ouazbir. Doch zum Ministrieren kam sie nicht mehr. Ihre Eltern trennten sich und sie zog gemeinsam mit ihrer Mutter nach Bayern in die Nähe von Neumarkt in der Oberpfalz. Damals war sie zehn Jahre alt. Der Kirche blieb sie dennoch weiterhin verbunden, wie sie sagt. Durch ihre Mutter erlebte sie "eine Freiheit im Glauben" und besuchte mit ihr Gottesdienste, lernte aber gleichzeitig durch ihren Vater den Islam näher kennen. "Ich wollte selbst herausfinden, wo ich hingehöre", erzählt sie von dieser Zeit. Nach der Realschule machte Ouazbir eine Ausbildung im Groß- und Außenhandelsmanagment. Später, mit 21 Jahren, erfüllte sie sich einen Traum und ging für drei Monate nach Japan um ihre Japanisch-Kenntnisse zu vertiefen.
„Ich spürte auf einmal ganz tief in mir drinnen, dass ich Christin sein möchte.“
Im Jahr vor ihrer Reise nach Japan, besuchte Mariam Ouazbir für ein paar Wochen ihren Vater und seine neue Familie in Marokko. Dann erlebte sie einen besonderen Moment, an den sie oft zurückdenkt: Damals war sie am Bahnhof in Marokko und im Gespräch mit jemandem aus der Familie. Es ging um die Religion des Islam, weiß sie noch. "Ich spürte auf einmal ganz tief in mir drinnen, dass ich Christin sein möchte", erinnert sie sich. Der richtige Moment war gekommen, war sie sich damals sicher. Dann folgte die Entscheidung: Mariam Ouazbir will sich taufen lassen. Ein Schritt, den sie schon länger in sich trug und nun endlich umsetzen wollte.
Wieder zurück in Deutschland rief sie ihren ehemaligen Religionslehrer und Pfarrer Fiedler an. Er war früher immer so freundlich zu ihr gewesen, erinnert sie sich. Ihm wollte sie von ihrer Entscheidung erzählen und ihn fragen, "ob er mich tauft", berichtet Ouazbir. Aber dann hat er "erst gar nicht abgehoben", weiß sie noch. Erst bei einem weiteren Anruf klappte es und sie erreichte ihn. "Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch an mich erinnern kann und mich taufen kann", berichtet die 21-Jährige. Pfarrer Fiedler habe sofort zugesagt. Da habe sie gespürt, dass es der richtige Weg sei. Dann begann sie ihre Taufvorbereitung in der Gemeinde, sprach in den Katechesen viel über den Glauben, las im Katechismus und in der Bibel und stellte Pfarrer Fiedler, der sie damals begleitete, "viele Fragen". Als Christin möchte sie später mithelfen, die Welt besser zu machen, so wie Jesus, nahm sie sich vor. Das bedeutete für sie auch Menschen, die einem weh getan haben, zu verzeihen.
Manche fragen, warum sie zur Kirche gehören möchte
Auf ihren Plan, katholisch zu werden, reagierten nicht alle aus ihrem Freundeskreis begeistert. Manche fragten sie, warum sie zur Kirche gehören möchte, wenn es dort doch auch Probleme gäbe. Vor allem die Missbrauchskrise. Es sei ihr nicht schwergefallen, anderen zu sagen, dass sie der Kirche ein freundliches Gesicht geben möchte, antwortet Ouazbir, auch wenn nicht alles einfach ist. "Ich lasse mich taufen, weil ich offen sagen möchte, dass ich an Gott glaube", betont die 21-Jährige.
Ihre Taufe sollte dann in ihrer früheren Heimatgemeinde in Postbauer-Heng stattfinden, dort, wo sie einmal auf die Grundschule ging. Auch deshalb, weil Pfarrer Fiedler dort noch immer als Pfarrer tätig ist. "Die Gemeinde hat sich so auf meine Taufe gefreut", weiß Ouazbir. Die beste Freundin ihrer Mutter, die sie schon viele Jahre kennt, wird ihre Taufpatin. Ebenso ist ihre Mutter für sie eine wichtige Wegbegleiterin im Glauben, von Anfang an, wie sie erklärt. "Sie steht immer zu mir, egal, was passiert", betont die 21-Jährige. Zusammen gestalteten die beiden eine Taufkerze mit den Symbolen Kelch, Kreuz und einer Taube für den Frieden.
Mariam Ouazbir bei ihrer Taufe in der Kirchengemeinde Sankt Elisabeth in Postbauer-Heng im Bistum Eichstätt mit Pfarrer Markus Fiedler und ihrer Patin.
Bei ihrer Taufe, die während eines Sonntagsgottesdienstes stattfand, ist Mariam Ouazbir sehr nervös, wie sie sich erinnert. Sie trug einen weißen Rock und hatte einen weißen Taufschal dabei. Der Pfarrer stellte sie der Gemeinde vor. "Es war eine schöne Erfahrung vor der Gemeinde zu stehen und endlich dazuzugehören", meint die 21-Jährige. Sie erklärte vor den anderen, warum sie getauft werden möchte: "Ich will zu Jesus gehören". Das erste Mal übernahm sie dann in einem Gottesdienst eine Aufgabe und las die Lesung vor. Nach dem Evangelium folgte ihre Taufe. Dass Pfarrer Fiedler sie taufte, auch weil er ihre Familiensituation kannte, berührt sie bis heute. "Ich hatte es mir so sehr gewünscht." Der Pfarrer schüttete viel Taufwasser über ihren Kopf und ihre Haare. "Ich war richtig nass", weiß Mariam Ouazbir noch.
Dass ihre Mutter und Großmutter, Verwandte und Freunde bei ihrer Taufe dabei waren, habe ihr gutgetan. Nach der Taufe hätten sie Menschen aus der Gemeinde, die sie gar nicht kannte, umarmt und sich mit ihr gefreut. Zwei Jugendliche, die sich gerne taufen lassen möchten, waren vor Ort. "Für sie bin ich ein Vorbild", sagt Ouazbir - nicht ohne Stolz.
Arabischer Vorname "Mariam" als Lebensprogramm
Mit ihrer Entscheidung sich taufen zu lassen, möchte sie der Kirche etwas zurückgeben: "Mein Leben war nicht immer einfach, ich habe viel Streit in der Familie erlebt", sagt sie offen. Aber "Gott hat mich da durchgetragen". Ihre Oma habe ihr einmal gesagt, dass der Glaube wie ein Licht ist, das irgendwo brennt. Das gibt ihr bis heute Kraft. Gerne möchte Mariam Ouazbir in ihrer Heimatgemeinde Lektorin sein und endlich Messdienerin werden. Auch ihre Mutter möchte sich wieder mehr in die Gemeindearbeit einbringen. "Weil sie gesehen hat, wie glücklich mich das macht", meint die 21-Jährige.
Dass von ihrer muslimischen Familie niemand bei ihrer Tauffeier dabei war, macht sie traurig und gleichzeitig hofft sie, dass auch ihr Vater die Entscheidung mittragen könne. "Wir glauben schließlich an denselben Gott", ist Ouazbir überzeugt. Nicht umsonst hätten ihre Eltern ihr damals den arabischen Vornamen "Mariam" gegeben. "Mein Name verbindet beide Religionen und vielleicht ist das ein bisschen mein Lebensprogramm", freut sie sich.
