Kirche könne keine Wahlvorschriften machen, aber...

Bischof Wilmer warnt vor Wahl der AfD: "Migranten stören nicht"

Veröffentlicht am 02.09.2026 um 19:40 Uhr – Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Appell an die Mündigkeit des Wahlvolkes: Bischof Heiner Wilmer will zwar keine Empfehlung für die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aussprechen. Dennoch sollte das Kreuz bei einer Partei nicht gesetzt werden.

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Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am Sonntag hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Heiner Wilmer, erneut vor der AfD gewarnt. Die Kirche wolle und könne zwar keine Wahlvorschriften machen. "Ich appelliere an die Mündigkeit der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt, ihr Gewissen zu schärfen. Migranten stören nicht", sagte Wilmer im Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Christinnen und Christen stünden für Nächstenliebe und Menschenwürde, insbesondere für die Schwächsten der Gesellschaft. "Dazu gibt es keine Alternative, weder in Deutschland noch anderswo", betonte Wilmer. "Die AfD attackiert diese Grundwerte und hintergeht unsere demokratische Staatsform als solche. Ihre Alternative für Deutschland ist eine Gesellschaft, in der Freiheit, Menschenwürde und Demokratie eingeschränkt werden."

Nach aktuellen Umfragen könnte die AfD in dem ostdeutschen Bundesland mit über 40 Prozent der Stimmen mit Abstand stärkste Kraft werden. In ihrem Beschluss vom Februar 2024 hatte die Deutsche Bischofskonferenz bereits die Unvereinbarkeit von Christentum und völkischem Nationalismus erklärt und damit gleichsam die AfD als unwählbar für Christen bezeichnet.

Politische Herausforderungen anerkennen

Den Erfolg der Rechtspopulisten führt Wilmer auch darauf zurück, dass sich Menschen nicht ernst genommen fühlten von Politikern der etablierten Parteien. "Gerade im ländlichen Raum fühlen sich viele abgehängt", so der Bischof von Münster. Gleichzeitig müsse aber auch anerkannt werden, dass es aktuell viele Herausforderungen wie Kriege, Klimakrise und wirtschaftliche Umbrüche gebe. "Das kann sehr leicht überfordern. Und da sind einfache Antworten, mit denen das Blaue vom Himmel versprochen wird, verlockend", erklärte Wilmer. "Sie sind aber keine Lösung, sondern es braucht, auch in der Politik, Differenzierung und Ehrlichkeit."

Eine Papiertasche der Partei "Alternative für Deutschland" in einer Kirchenbank.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Christinnen und Christen stünden für Nächstenliebe und Menschenwürde, insbesondere für die Schwächsten der Gesellschaft. "Dazu gibt es keine Alternative, weder in Deutschland noch anderswo", betonte Wilmer.

Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung sieht Wilmer auch die Kirche in der Verantwortung. Zugleich ist er überzeugt, dass sie weiterhin eine hohe Anziehungskraft in der Gesellschaft besitzt. "Sie ist attraktiv, weil sich Menschen nach Gemeinschaft sehnen, während die Fragmentierung der Gesellschaft zunimmt, weil wir die Frage nach unserer Identität nicht den Identitären überlassen dürfen", so Wilmer.

Trotz sinkender Mitgliederzahlen sei er deshalb überzeugt, dass die Kirche nicht zu einer Sekte verkommen könne, erklärte der Bischof von Münster. "Unsere Kirche muss eine offene sein. Es geht um Herkunft ohne Überheblichkeit, Zugehörigkeit ohne Ausgrenzung und Offenheit ohne Selbstverlust." Bereits bei seiner Antrittsrede nach seiner Wahl zum Bischofskonferenz-Vorsitzenden im Februar hatte Wilmer auf die Attraktivität der Kirche verwiesen.

Neue Möglichkeiten der Verantwortung

Gleichzeitig warnte er davor, die Austrittszahlen als maßgebliches Kriterium für den Zustand der Institution heranzuziehen. "Die Messung ist nicht hinreichend", so Wilmer. "Es gibt noch eine andere Definition von Kirche." Kirchenzugehörigkeit ergebe sich nicht nur aus der Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher, der Taufen und kirchlichen Eheschließungen. "Zusätzlich möchte ich dazu einladen, auch zu messen, wer und wie viele Menschen in Deutschland Hungrigen zu essen geben, die sich nach Brot, aber auch nach Sinn und Erfüllung sehnen. Wer besucht Kranke? Wie viele kümmern sich um Obdachlose?" Auch wenn diese Menschen nicht unbedingt Kirchenmitglieder seien, müsse ihnen Respekt gezollt werden, "für ein Tun, das unseren christlichen Werten entspricht".

Gerade in ländlichen Regionen muss die Kirche aus Wilmers Sicht präsent sein und Antworten auf den Rückgang von Priestern und Mitgliedern finden. "Wir brauchen neue Möglichkeiten der Verantwortung, wo wir als Getaufte noch stärker zusammenarbeiten", so der Bischofskonferenz-Vorsitzende. Wichtig sei es, dabei besonders eng bei den jüngeren Menschen zu bleiben. "Es geht darum, dass wir junge Menschen begleiten durch die Fluten des Lebens vorbei an den Klippen", erklärte der Bischof und verwies auf den aktuellen Kinofilm "Die Odyssee" von Christopher Nolan. Dieser habe auch eine Botschaft für die Kirche: "Wir sehnen uns doch alle irgendwie nach Ithaka."

"Wir lehnen die Leihmutterschaft ab"

Zum Thema Leihmutterschaft sagte Wilmer: "Unsere Position ist sonnenklar. Wir lehnen die Leihmutterschaft ab". Gleichzeitig widersprach der Münsteraner Bischof Vorwürfen, wonach die Kirche sich zur Leihmutterschaft geäußert habe, als die Diskussion darum im Juli erneut losbrach. "Das Gegenteil ist der Fall", betonte Wilmer und verwies auf entsprechende Texte der Bischofskonferenz aus dem Jahr 2024, die die Position der Kirche klar machen. Das sei bekannt, auch ohne eine neue Stellungnahme. "Ich finde es ermüdend, wenn sich die Kirche alle drei bis vier Wochen zu denselben Themen äußert", so der Bischofskonferenz-Vorsitzende. (mtr/KNA)