"Regensburger Rede": Islamwissenschaftler sieht verpasste Möglichkeit

Der Islamwissenschaftler und Philosoph Ahmad Milad Karimi sieht die "Regensburger Rede" von Papst Benedikt XVI. (2005–2013) als bleibende theologische Herausforderung. "Sie zwingt Muslime, genauer zu bestimmen, wie die koranische Offenbarung zugleich Erinnerung und neuer Anfang sein kann, wie Gottes Transzendenz seine Nähe umfasst und wie seine unbedingte Freiheit von Willkür zu unterscheiden ist", schreibt Karimi in einem am Freitag veröffentlichten Beitrag für das katholische Online-Portal "communio.de" zum 20. Jahrestag der Rede am 12. September. Christen wiederum zwinge die Rede, "den eigenen Vernunftbegriff auszuweisen und zu prüfen, ob die Berufung auf den Logos die Geschichte christlich legitimierter Gewalt hinreichend erklärt".
Allerdings sieht Karimi es als "verpasste Möglichkeit" an, diese Fragen nicht als gemeinsame theologische Aufgaben behandelt zu haben: "Auf muslimischer Seite überwog die Abwehr einer verletzenden und verkürzenden Darstellung. Auf christlicher Seite überwog die Verteidigung oder Erklärung der päpstlichen Rede. Beides war nachvollziehbar. Beides reichte nicht aus." Zwanzig Jahre später liege die Bedeutung der Rede daher weniger in den Antworten, die das Kirchenoberhaupt gegeben habe, als in den Fragen, die sie freigelegt habe. Ein theologisches Gespräch beginne dort, wo Christen und Muslime die Begriffe des anderen weder vorschnell übersetzten noch verwürfen. "Es verlangt die Bereitschaft, die eigene Tradition durch die Frage des anderen genauer zu verstehen." So könne aus der "Konfrontation von Regensburg" eine Kultur des theologischen Streits entstehen, in der Wahrheit beansprucht, Kritik zugelassen und die Freiheit des anderen gewahrt bleibe.
Benedikt XVI. hatte im Rahmen eines sechstägigen Besuchs in Bayern im September 2006 an der Universität Regensburg eine Vorlesung zum Thema "Glaube, Vernunft und Universität – Erinnerungen und Reflexionen" gehalten und darin aus einem Streitgespräch aus dem Jahr 1391 zitiert. Damals hatte der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos zu einem muslimischen Gelehrten gesagt: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Nach diesem Zitat kam es zu heftigen islamischen Protesten und sogar zu Gewaltausbrüchen in mehreren Ländern. Später hatte Benedikt XVI. mehrfach betont, dass er sich die Fundamentalkritik des Kaisers am Islam nicht zu eigen mache, sondern seine Zuhörer ausschließlich auf den Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft habe aufmerksam machen wollen. (stz)