Debatte um Aussage von Kardinal Marx

Theologenstreit – Söding widerspricht Tück

Veröffentlicht am 11.09.2026 um 11:25 Uhr – Lesedauer: 

Freiburg ‐ Der Theologe Thomas Söding stützt Kardinal Reinhard Marx: Die Kirche solle Demokratie nicht nur fordern, sondern selbst etwas dafür leisten. Der ZdK-Vizepräsident spricht von einer kirchlichen "Bringschuld".

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Der Theologe Thomas Söding hat sich in die Debatte zwischen Kardinal Reinhard Marx und Jan-Heiner Tück über die Beziehung zwischen Kirche und Demokratie eingeschaltet. Nachdem der Erzbischof von München den christlichen Glauben als "Schwungrad" für Demokratie bezeichnet hatte, was Tück ablehnte, schreibt Söding in einem Gastbeitrag für das Portal "communio.de": Die Kirchen sollten "ein starkes Interesse an freiheitlicher, rechtsstaatlicher Demokratie" haben – nicht nur weil Religionsfreiheit garantiert, sondern auch weil soziale Verantwortung organisiert werde.

Der in Wien lehrende Theologe Tück hatte argumentiert, die Kirche müsse "in ihren kulturellen Großräumen mit unterschiedlichen Staatsformen koexistieren". Söding weist darauf hin, dass die frühere theologische Lehre von der "Äquidistanz zu allen politischen Systemen" seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) überholt sei. Seitdem sei die Option für Demokratie und Menschenrechte verbindliche Lehre. "Die Piusbrüder haben das nicht begriffen, die Neo-Integralisten auch nicht", so Söding.

Zusammenhänge zwischen Kirchen- und Demokratiekrise

Der Seniorprofessor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum sieht enge Zusammenhänge zwischen Kirchen- und Demokratiekrise. Der Demokratie gingen die Demokraten aus, der Kirche die Christen, "die ihre Gottesliebe durch Nächstenliebe bewahrheiten". Die Nächstenliebe dringe in die größeren Räume der Politik vor. "Weil ihr die Verantwortung für das Gemeinwohl nahegeht – so wenig das Gebot der Nächstenliebe bereits ein hinreichendes Prinzip der Politik, geschweige denn ein staatliches Gesetz wäre."

Tück hatte es abgelehnt, Gott für die Stabilisierung der Demokratie zu verzwecken. Wer Gott zum Garanten des eigenen politischen Projekts mache, verfüge über ihn – auch mit den besten Absichten. Söding erklärt, die Kirche nehme ihre politische Verantwortung dadurch wahr, dass sie nicht in der Politik aufgehe, sondern Gott die Ehre gebe und jeden Menschen als sein Ebenbild sehe.

"Die Kirche hat die Aufgabe, in einer Weise den Glauben zur Sprache zu bringen, die durch keinen Staat dieser Welt reglementiert, aber in der Öffentlichkeit verstanden werden kann", so der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Söding schreibt, früher habe die Kirche aus der Einsicht, dass der freiheitliche demokratische Rechtsstaat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne, Ansprüche auf Gehör abgeleitet. "Heute muss ihr klar werden, dass sie eine Bringschuld zu entrichten hat." (KNA)