Debatte: Politisch sein, ohne zu politisieren

Weltverantwortung des Glaubens in Zeiten demokratischer Krise

Veröffentlicht am 16.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Jan-Heiner Tück – Lesedauer: 

Wien ‐ Wie verhalten sich Glaube und Politik zueinander? Um ein Bild von Kardinal Marx des Glaubens als "Schwungrad der Demokratie" hat sich eine theologische Debatte entsponnen. Jan-Heiner Tück antwortet Thomas Söding.

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Die Kirche hat einen Weltauftrag. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in "Gaudium et spes" einen Dualismus im Kirche-Welt-Verhältnis hinter sich gelassen und einen konstruktiven Dialog mit den Wirklichkeitsbereichen der modernen Gesellschaft angestoßen. Dahinter möchte ich nicht zurück. Die Frage ist nur, wie diese Weltverantwortung der Kirche wahrgenommen wird. Sollen sich kirchliche Würdenträger immer wieder direkt in Fragen der Politik einmischen? Wenn die Unterscheidung zwischen Vorletztem und Letztem verwischt wird, politische Größen wie Klasse oder Volk verabsolutiert oder Freiheitsrechte konkret angetastet werden, ist der öffentliche Einspruch der Kirche geboten. Aber in "Gaudium et spes" steht auch, dass die Kirche sich "aufgrund ihres Auftrags und ihrer Zuständigkeit in keiner Weise mit der politischen Gemeinschaft identifiziert" (GS 76). Es bleibt also ein Identifikationsvorbehalt.

Die Grenze zwischen Verantwortung und Intervention

Wie also soll das Verhältnis gestaltet werden? In der Antwort auf diese Frage liegt bei allen Gemeinsamkeiten eine Positionsdifferenz zwischen Thomas Söding und mir. Wir beide lehnen die politische Theologie der Piusbruderschaft ebenso ab wie einen neuen Integralismus, der den christlichen Glauben und die politische Ordnung wieder miteinander verschmelzen möchte. Wir beide betreiben Theologie auf dem Boden des Konzils und verteidigen Demokratie, Rechtsstaat und die Würde des Menschen. Mein deskriptiver Verweis, dass die katholische Kirche mit unterschiedlichen Staatsformen koexistieren muss, wäre falsch verstanden, wenn er als normatives Votum für die alte Lehre der Äquidistanz und als Ausdruck der Demokratierelativierung gelesen würde. Der Punkt der Debatte betrifft vielmehr die Frage, wie die Kirche ihre Weltverantwortung heute wahrnehmen soll.

Söding setzt als Vizepräsident des ZdK stärker auf die politische Präsenz der Kirche. Gerade in einer Krise der Demokratie müsse sie als verlässliche Partnerin sichtbar an ihrer Seite stehen. Das ist ein ernst zu nehmender Einwand. Eine Kirche, die angesichts des politischen Drucks nur auf ihre religiöse Eigenlogik verweist, könnte ihre Weltverantwortung gerade dadurch verfehlen, dass sie sich aus der konkreten Auseinandersetzung zurückzieht und politische Abstinenz übt.

Thomas Söding spricht bei der Vollversammlung des ZdK
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Die Kirchen sollten "ein starkes Interesse an freiheitlicher, rechtsstaatlicher Demokratie" haben – nicht nur weil Religionsfreiheit garantiert, sondern auch weil soziale Verantwortung organisiert werde, schrieb Söding in "Communio" zu der Debatte.

Meine eigene Position richtet sich nicht gegen politische Verantwortung, sondern gegen ihre Verwechslung mit politischer Identifikation. Die Kirche kann in einer konkreten Frage entschieden Stellung beziehen, ohne sich mit einer Partei, einem politischen Lager oder einem politischen Projekt zu identifizieren. Sie muss politisch wirksam sein, ohne selbst zum politischen Akteur zu werden. Ihre eigentliche politische Kraft liegt darin, auf die Unverfügbarkeit Gottes sowie auf Gestalt und Botschaft Jesu Christi zu verweisen. Diese Botschaft übersteigt die Sphäre der Politik, ist aber zugleich immer auch politisch. Die Solidarität mit den Armen und Kranken, das Eintreten für die Stimmlosen und Entrechteten, aber auch eine Kultur der Vergebung, die den anderen nicht auf seine Fehler festnagelt, haben politische Implikationen und sind nicht politisch neutral.

Wenn der Glaube zum "Schwungrad" wird

Genau hier liegt der Grund meines Einspruchs gegen eine "Funktionalisierung" des Glaubens, der auf das "Übernützliche" der Gottesbotschaft hinweist. Die geradezu rituelle Beschwörung von Demokratie, Vielfalt und Menschenrechten in Zeiten der demokratischen Krise ist wohlfeil, solange sie nicht auch die Sorgen aufgreift, die im Nachgang zu einer liberalen Migrationspolitik entstanden sind. Die Politik der Brandmauer hat diese Sorgen jedenfalls nicht hinreichend aufgenommen, wie nun auch politische Kommentatoren konstatieren; ihre politische Wirksamkeit gegenüber dem Aufstieg der AfD darf daher bezweifelt werden. Ob die Bischöfe gut beraten waren, sich so weit in die Parteipolitik einzumischen, dass sie die Brandmauer stützten und damit Katholiken, die aus Protest oder aus anderen Motiven die AfD gewählt haben, den Eindruck vermittelten, kirchlich nicht mehr dazuzugehören? Eine delikate Frage.

Kardinal Reinhard Marx spricht in ein Mikrofon
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Kardinal Reinhard Marx bezeichnete den christlichen Glauben als "Schwungrad" für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft.

Die Metapher vom Glauben als "Schwungrad der Demokratie" ist hier ein Beispiel für eine funktionale Transformation religiöser Sprache. Der Glaube soll Gemeinsinn, Dialog und demokratische Stabilität fördern und droht damit primär über seine gesellschaftliche Leistungsfähigkeit beschrieben zu werden. Die theologische Semantik von Gott und seinem rettenden Gedächtnis, von Schuld und Erlösung kann dabei verblassen. Hier trifft sich mein Einspruch mit der Sprachkritik von Friedrich Wilhelm Graf am "Klerikaljargon": Wo die Kirche ihre religiösen Gehalte in abstrakten Formeln von Solidarität, Vielfalt, Menschenwürde und gesellschaftlichem Zusammenhalt aufgehen lässt, droht eine Sprache, die zugleich gesellschaftspolitisch anschlussfähig und theologisch eigentümlich blutleer ist. Sie spricht dann über gesellschaftliche Werte, ohne noch hinreichend kenntlich zu machen, aus welcher Gottesrede diese Werte hervorgehen.

Die Autorität der Leidenden

Mein Einspruch speist sich im Übrigen aus dem Erbe der Neuen Politischen Theologie von Johann Baptist Metz. Für Metz entspringt das Politische des Christentums der memoria passionis, dem Eingedenken des Leidens, das die Theologie aus ihrer Selbstbezogenheit herausführt und sie auf die Opfer der Geschichte verpflichtet. Die "Autorität der Leidenden" wird so zu einem theologischen und zugleich politischen Kriterium: Sie zwingt dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Perspektive derer zu beurteilen, die in ihnen zu Opfern werden.

Das zeigt sich auch in Metz' Auseinandersetzung mit der Kirchenreformbewegung in seinem Essay "Der unpassende Gott". Metz bestreitet keineswegs die Notwendigkeit kirchlicher Reform. Er warnt aber davor, Reform mit einer bloßen Anpassung an die jeweiligen Imperative moderner Gesellschaften zu verwechseln. Der "unpassende Gott" entzieht sich den Erwartungen, die Menschen und auch Kirchen an ihn richten. Gerade darin liegt seine subversive Kraft: Der Glaube lässt sich nicht auf seine gesellschaftliche Funktion reduzieren, sondern führt in eine Praxis der Nachfolge, die die Armen und Schwachen, die wirtschaftlich Abgehängten, ja auch die Ungeborenen in den Horizont menschlicher Solidarität einbezieht.

Aus diesem universalen Geist des Evangeliums heraus hat die Kirche völkisches Denken zurückzuweisen. Hier stimme ich Kardinal Reinhard Marx zu. Wenn einige AfD-Politiker ein "ethnisch homogenes Volk" als politisches Heilsversprechen ankündigen, ist das zurückzuweisen: Es verkennt nicht nur die Realität einer liberalen Gesellschaft, sondern verletzt im Kern die Lehre von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen. Die Kirche urteilt hier nicht über eine Partei als solche; sie widerspricht einer politischen Anthropologie, die die gleiche Würde der Menschen nach ethnischen Kriterien staffelt. Die Absage an diesen völkischen Nationalismus ist für die Kirche eine theologische Pflicht – begründet in der unteilbaren Würde jedes Menschen vor Gott.

Eschatologische Distanz

Wenn Thomas Söding in diesem Zusammenhang auf das berühmte Böckenförde-Diktum verweist, wonach der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, so ist ihm recht zu geben. Aber dieses Diktum löst die Kirche für den Staat am besten ein, indem sie eine eschatologische Distanz wahrt. Sie ist für die Demokratie nicht dann am fruchtbarsten, wenn sie sich ihr als moralische Zulieferagentur andient, sondern wenn sie unverwechselbar in den Grunddimensionen der Verkündigung, der Liturgie und der Diakonie sie selbst bleibt.

Ein Glaube, der so verstanden wird, kann gar nicht unpolitisch sein. Das Evangelium hat Konsequenzen für den Umgang mit Macht, Recht, Armut, Fremden und gesellschaftlich Ausgegrenzten. Doch die Kirche dient der Welt am besten, wenn sie sie selbst bleibt: ein Raum, der das Reich Gottes ankündigt, ohne es mit einer immanenten politischen Ordnung kurzschließen zu wollen. Eine solche Theologie behält jene kritische Distanz, die die Politik davor bewahrt, sich selbst zu verabsolutieren. Gerade weil die Kirche nicht Partei ist, kann sie Partei für die Leidenden ergreifen – und gerade deshalb kann sie dort, wo Freiheit und Menschenwürde bedroht sind, auch unmissverständlich politisch intervenieren.

Von Jan-Heiner Tück