Kardinal Marx: "Ich fühle mich absolut einsatzfähig"

30 Jahre im Bischofsamt – für Kardinal Reinhard Marx Anlass, zurückzublicken und zugleich nach vorn zu schauen. Im Interview mit katholisch.de spricht der Münchner Erzbischof über die Freude und die Belastungen seines Dienstes, die tiefen Einschnitte durch den Missbrauchsskandal und seine Erfahrungen mit dem Synodalen Weg, dessen Mitinitiator er war. Zudem erklärt Marx, wie er auf das Verhältnis zu Rom und Papst Leo XIV. blickt, warnt vor der wachsenden Macht von Algorithmen und sozialen Medien – und macht deutlich, dass er trotz seines bevorstehenden 75. Geburtstags noch lange nicht amtsmüde ist.
Frage: Herr Kardinal, am 21. September 1996 wurden Sie zum Bischof geweiht. Wenn Sie heute dem Reinhard Marx von damals begegnen könnten: Was würden Sie ihm über die kommenden 30 Jahre erzählen – und wovor würden Sie ihn vielleicht auch warnen?
Marx: Dass es viel Freude mit sich bringen wird und zugleich sehr viel Mühe bedeuten kann. Der stärkste Einschnitt war zweifellos die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Welches unvorstellbare Leid sexueller Missbrauch im Raum der Kirche für Menschen bedeutete, habe ich 1996 leider noch nicht einmal geahnt. Davor hätte ich den Reinhard Marx von damals nicht gewarnt, aber die Fragen danach früher gestellt. Es lagen in meinem Leben als Priester und Bischof größere Herausforderungen vor mir, als ich mir das jemals hätte vorstellen können.
Frage: Inwiefern?
Marx: Jugendliche haben mich einmal gefragt: Würden Sie heute wieder Priester werden? Wenn ich es mir einfach mache, dann lautet darauf die Antwort: Selbstverständlich, keine Frage. Aber so stimmt es ja nicht. Ich habe den Jugendlichen gesagt: Doch, das würde ich, ich kann ohne die Heilige Messe nicht leben. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer wird.
Frage: Gab es auch weniger schwierige Momente?
Marx: Die Kirche ist ein lebendiger Organismus. Es vergeht kein Tag, ohne dass ich Erfahrungen mache, die mir weiterhelfen, wo ich getröstet und begeistert bin. Die Gemeinden, die ich besuche, die Gottesdienste, die ich feiere, die Gespräche, die ich führe. Natürlich gibt es immer wieder Probleme. Ich kann klar erkennen, dass – trotz all der Abbrüche und Umbrüche, trotz des ständigen Klagens und Jammerns, trotz dieser ständigen nostalgischen Rückblicke, die ich übrigens von Anfang an immer bekämpft habe – das Bewusstsein wächst: Die Kirche hat etwas Unverwechselbares, einen Schatz, eine kostbare Botschaft, die unzerstörbar ist. Paulus sagt: Der äußere Mensch wird im Leben zwar aufgerieben, aber der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert. Das gilt auch für die Kirche und ebenso für mich persönlich.
Kardinal Reinhard Marx im Interview mit katholisch.de
Frage: Ausgerechnet zum Jubiläum Ihrer Bischofsweihe fand in München die Tagung zum "synodalen Bischof" statt. Sie gehörten 2019 zu den Initiatoren des Synodalen Weges der Kirche in Deutschland und haben damals sinngemäß gesagt, man könne nicht einfach auf Rom warten, sondern müsse den eigenen Weg gehen. Sieben Jahre später gibt es weiterhin Spannungen mit Rom. Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Hat der Synodale Weg etwas verändert?
Marx: Zunächst einmal ist klar, dass die Kirche nicht wie eine Pyramide aufgebaut ist mit der Kurie in Rom an der Spitze. Stattdessen besteht die Kirche aus Ortskirchen, die gemeinsam die Weltkirche bilden. Der Papst ist der Garant dafür, dass das zusammenbleibt, das Fundament der Einheit. So sieht es das II. Vatikanische Konzil. Jede Ortskirche muss ihren Weg finden, natürlich in Verbindung mit den anderen. Ich war Vorsitzender der Bischofskonferenz, als die MHG-Studie veröffentlicht wurde. Mir – und vielen anderen – war klar, dass wir etwas tun müssen. Das ist der eigentliche Ausgangspunkt des Synodalen Wegs. Der damalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, und ich waren uns einig, dass wir das angehen müssen, dass wir die Probleme, auf die diese Krise hinweist, angehen müssen, um die Kirche wieder zu einem Ort des Vertrauens zu machen, an dem der Glaube leuchten kann. Der Weg selbst war sehr herausfordernd.
Frage: Was war das Herausfordernde?
Marx: Man spürte am Anfang wirklich die Explosion der Emotionen. Alle waren geschockt über den Missbrauchsskandal. Dadurch kam es manchmal auch zu angespannten Situationen. Ich glaube, dass es richtig war, gemeinsam die Probleme zu benennen, der Wahrheit nicht auszuweichen. Und am Ende hat das vielleicht doch dazu beigetragen, dass auch auf der universalkirchlichen Ebene der synodale Weg in Gang gekommen ist. Papst Franziskus hat 2015 schon davon gesprochen, dass es der Wille Gottes für die Kirche des 21. Jahrhunderts sei, eine synodale Kirche zu sein. Was das bedeutet, ist noch längst nicht geklärt. Da sind wir auf einem Weg, einem positiven, so glaube ich.
Frage: Das wäre?
Marx: Der Synodale Weg kann aus meiner Sicht nicht damit enden, dass wir eine Liste mit Forderungen nach Rom schicken. Das finde ich nicht so fantasievoll. Ich will, dass wir auch hier in Deutschland als Kirche sagen: Was wollen wir hier sein? Was wollen wir den Menschen hier versprechen? Was ist unser Auftrag? Und nicht einfach: Wir fordern vom Papst dies und das, und brauchen selbst nichts weiter zu tun. Der zentrale Ort der synodalen Kirche ist für mich das Bistum, die Kirche vor Ort, und nicht eine nationale Ebene. Die brauchen wir zwar auch, aber die eigentliche Musik muss in den Bistümern spielen. Da gehen wir – meine ich - bei uns im Erzbistum einen guten Weg mit dem Synodalen Gremium, das in der Linie des Synodalen Weges eingerichtet wurde.
„Der Synodale Weg kann aus meiner Sicht nicht damit enden, dass wir eine Liste mit Forderungen nach Rom schicken. Das finde ich nicht so fantasievoll.“
Frage: War das Vorhaben also richtig?
Marx: Ohne Frage. Ich hatte Papst Franziskus damals versprochen, dass ich mich persönlich dafür stark machen werde, dass der Synodale Weg in Deutschland mit dem universalkirchlichen synodalen Prozess zusammenkommt. Und ich sehe, dass das gelingen kann. Was den synodalen Prozess in Rom betrifft: Da ist vieles im Fluss und es geht weiter.
Frage: Braucht es denn dann ein nationales Gremium? Bei der letzten Synodalversammlung war ein Kritikpunkt von Ihnen, dass es keine Kontrollfunktion sein soll ...
Marx: Wir brauchen keine Synodalkonferenz als eine Art Oberaufsicht über alle Bistümer. Wir haben eine Bischofskonferenz, die aber nicht das einzige Organ sein kann, um heute die Kirche zu repräsentieren. Was fehlt, ist ein gemeinsamer Resonanzraum, der das, was in der Kirche vor Ort passiert, aufnimmt, und auch die Kirche für ganz Deutschland repräsentiert. Denn die Seelsorge, die Evangelisierung, die gemeinsame Arbeit mit dem Volk Gottes geschieht vor Ort in den Bistümern und Gemeinden. Wir müssen darüber sprechen, wie das in einer Synodalkonferenz Resonanz finden kann und wie die Botschaft insgesamt für unser Land Bedeutung bekommt.
Frage: Wo wünschen Sie sich von Papst Leo XIV. mehr Mut oder eine klarere Positionierung?
Marx: Ich finde, er macht das völlig richtig! Er ist Leo – und nicht Franziskus und nicht Reinhard Marx. Wenn ich mit ihm spreche, merke ich: Er ist ein sehr zuhörender Mensch. Ich wundere mich doch über die Vorstellung von manchen, dass der Papst allein alles machen und richten müsse. Der Papst ist nicht der autokratische Herrscher über die Kirche, sondern eben das Fundament der Einheit. In einer synodalen Kirche trägt er Sorge dafür, dass viele den Weg der Kirche gemeinsam gehen können. Das ist Papst Leo ein großes Anliegen – und dazu braucht es gewiss auch Geduld. Er strahlt auf mich eine vornehme und große Gelassenheit aus. Für einen Papst eine gute Haltung.
"Der Papst ist nicht der autokratische Herrscher über die Kirche, sondern eben das Fundament der Einheit. In einer synodalen Kirche trägt er Sorge dafür, dass viele den Weg der Kirche gemeinsam gehen können."
Frage: Ende September endet Ihre Zeit als Medienbischof innerhalb der DBK. Was bereitet Ihnen mit Blick auf Journalismus, soziale Medien und KI heute die größten Sorgen?
Marx: Mir ist in den Jahren bewusster geworden, welche Dominanz die großen Tech-Unternehmen etwa durch Algorithmen und KI-Entwicklung ausüben – hier hat man zu vieles zu lange laufen lassen. Die enge Verbindung von Big-Tech mit politischer und wirtschaftlicher Macht birgt eine große Gefahr. Das Thema Social Media ist immer brisanter geworden, vor allem die Frage der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Die Medienlandschaft ist insgesamt in einem gravierenden Umbruch. Da gibt es auch eine "Zeitenwende".
Frage: Wenn Sie schon Algorithmen ansprechen: In Verbindung mit den jüngsten Landtagswahlen und dem Erstarken der AfD spielt das ja auch eine große Rolle.
Marx: Mir fehlt sehr oft die sachliche, differenzierte Diskussion. Die schnellen Posts und Likes haben eine gefährliche Dynamik, die auch die Wahrnehmung grob verzerrt; vor allem Bots und bestimmte Interessengruppen, die diffamieren, beleidigen, angreifen, drohen bekommen oft die größte Reichweite und das ist leider ein Vorteil für alle Radikalen und alle Vereinfacher, die ihren eigenen Interessen folgen. Die differenziert Denkenden, die ich nach wie vor für die Mehrheit halte, finden in diesen Dynamiken keinen Raum.
Frage: Ihr 30-jähriges Bischofsjubiläum fällt auf Ihren 73. Geburtstag. Mit 75 werden Sie vermutlich dem Papst Ihren zweiten Amtsverzicht anbieten. Den ersten hat Papst Franziskus nicht angenommen. Gibt es noch etwas, was Sie in den kommenden zwei Jahren erreichen wollen?
Marx: Vieles! Ich bin keineswegs amtsmüde. Ich fühle mich absolut einsatzfähig und voller Freude. Der innere Mensch in mir ist eher wieder stärker geworden. Solange der liebe Gott mir die Kraft gibt und der Heilige Vater das will, bin ich gerne bereit, meinen Dienst weiter zu tun.
Frage: Der Mailänder Erzbischof darf auch noch länger im Amt bleiben...
Marx: Das entscheidet der Heilige Vater.
Frage: Also keine Müdigkeit?
Marx: Keine Spur!