Standpunkt

"Erstes" statt "Altes" Testament: Endlich – und doch nicht genug

Veröffentlicht am 29.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Katrin Brockmöller – Lesedauer: 

Bonn ‐ Papst Leo XIV. setzt mit dem Begriff "Erstes" Testament ein wichtiges Zeichen gegen antijüdische Denkmuster. Katrin Brockmöller plädiert dafür, auch die Evangelien neu und frei von theologischen Vorurteilen zu lesen.

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Papst Leo XIV hat letzte Woche ein sprachliches Update gesetzt, das nicht hoch genug zu werten ist. Erstmals in einem vatikanischen Dokument verwendet "Ein Weg der Hoffnung" konsequent "Erstes" statt "Altes" Testament.

Die Debatte um diesen Begriff ist schon 35 Jahre alt. Der verstorbene Professor Erich Zenger prägte ihn schon 1991. Es ging Zenger darum, die Abwertung im Begriff "alt" zu vermeiden. Er wollte erreichen, das "Alte" Testament nicht nur als reine Vorgeschichte zu verstehen und nicht immer wieder jüdische Lektüre und christliche Lektüre gegeneinander zu stellen. Lange war der Begriff in der Forschung, an Universitäten, Schulen, Akademien und Bildungshäusern, ja in der gesamten bibelpastoralen Praxis tief verankert, in den letzten Jahren wurde er weniger verwendet.

Aber das alte Paradigma der Substitution (der Ablösung des Judentums durch das Christentum) ist in vielen Köpfen und Herzen, in Predigten, Gebeten und Katechesen leider weiter präsent und immer wieder wird Jesus Christus als der "andere" und die Christen als "die anderen" von der jüdischen Gemeinschaft kontrastierend abgesetzt.

Lasst uns einen Versuch starten: Alle Predigten und jede Beschäftigung mit den biblischen Texten der nächsten Sonntage aus dem Evangelium nach Matthäus kommen ohne theologischen oder rhetorischen Antijudaismus aus! Dann streiten in den Evangelien der nächsten Sonntage nicht "die Christen" mit "den Juden", sondern eine der innerjüdischen Gruppen hat Konflikte mit anderen innerjüdischen Gruppen, zum Beispiel mit Pharisäern, Schriftgelehrten und Ältesten. Jesus und mit ihm Matthäus streiten dann nicht gegen sondern um die Erneuerung des Judentums.

Wem werden eigentlich die Früchte in Mt 21,43 entzogen bei der Ernte? Was ändert sich, wenn in Mt 22,14ff die Winzer und Gäste nicht für jüdische Menschen stehen und der ermordete Sohn nicht mit Christus identifiziert wird? Es gibt noch viel zu lernen. Danke, Papst Leo!

Von Katrin Brockmöller

Die Autorin

Dr. Katrin Brockmöller ist geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e. V. Eine wissenschaftlich fundierte und dabei Herz und Seele nährende Lektüre biblischer Texte ist ihre Passion. Als Autorin schreibt sie u. a. die Rubrik "Antworten auf fundamentalistische Bibelauslegungen" in der Mitgliedszeitschrift "Bibel heute".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.