Wo christliche Existenz und Demokratie sich treffen
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Am Montag hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zwölf Männer und neun Frauen mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Es war seine letzte Ehrung dieser Art zum Tag der deutschen Einheit – und zugleich die erste im Ausweichquartier des Staatsoberhaupts am Berliner Spreebogen.
Wer einmal in Rom eine Papstaudienz erlebt hat, mag sich an eine ähnlich flirrende Atmosphäre mit Vorfreude, gespannter Erwartung und ein bisschen Nervosität erinnert gefühlt haben, auch wenn Zeremoniell und Ambiente im Papstpalast ungleich pompöser sind. Man kann über Orden witzeln, Ehrpusseligkeit wittern oder feudales Gehabe. Die Rührung des einen oder der anderen Geehrten machte solche Anwandlungen vergessen. Der Offizierin Nariman Hammouti schossen die Tränen in die Augen, als Steinmeier hervorhob, wie unvorstellbar es noch vor nicht allzu langer Zeit war, "dass eine Frau Kapitänleutnant unserer Marine ist – als Tochter marokkanischer Eltern – und sich unermüdlich einsetzt für eine moderne Bundeswehr und für das bessere Verhältnis zwischen Gesellschaft und Streitkräften".
In einem Dankeswort machte der Schriftsteller Navid Kermani stellvertretend für die neuen Ordensträgerinnen und -träger den Leitspruch John F. Kennedys als Gemeinsamkeit aus: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du tun kannst für dein Land." Und plötzlich, fügte Kermani in einer Perspektiven-Umkehr hinzu, "plötzlich bedankt sich das Land bei uns … Das ist, ich bin sicher, für alle 21 ein sehr besonderer und auch unerwarteter Moment."
Besonders, unerwartet – vielleicht. Bedeutsam auf jeden Fall. Wertschätzung, Hochachtung, Dankbarkeit brauchen sichtbare Zeichen. Sie rühren an das Bedürfnis jedes Menschen, gesehen und anerkannt zu werden.
Wer sich im Staat, in der Gesellschaft, in der Kirche engagiert, sieht dabei zugleich ab von sich selbst und nimmt die Gemeinschaft in den Blick. Das genau geht denen ab, die den Menschen suggerieren, im Triumph des Eigensinns, des Ich über das Wir liege auch politisch das Heil.
Als "Da sein für andere" hat Dietrich Bonhoeffer das Wesen christlicher Existenz charakterisiert. Es fällt auf, wie nahe dieser Gedanke an dem liegt, wovon auch die freiheitliche Demokratie lebt.
Der Autor
Joachim Frank ist "DuMont"-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands (GKP).
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.
