Theologin hatte geistlichen Missbrauch untersucht

Könemann: Geistliche Gemeinschaften brauchen engmaschige Begleitung

Veröffentlicht am 08.10.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Münster ‐ Geistliche Gemeinschaften sind anfällig für spirituellen Missbrauch, sagt die Theologin Judith Könemann. Sie fordert im katholisch.de-Interview mehr Begleitung – und kritische Reflexion verschiedener Akteure.

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Unter dem Titel "Glaube durch Charisma" hat die Theologin Judith Könemann gemeinsam mit dem Historiker Thomas Frings geistlichen bzw. spirituellen Missbrauch anhand zweier Geistlicher Gemeinschaften in den Bistümern Münster und Osnabrück untersucht. In beiden Gemeinschaften war es zu Missbrauch gekommen. Im Interview erklärt Könemann, was nun getan werden muss – und welche Gefahr geistlicher Missbrauch darstellt.

Frage: Frau Könemann, nach Ihrer Studie zu spirituellem Missbrauch wollen sich die Bischöfe von Münster und Osnabrück, Heiner Wilmer und Dominicus Meier, für die kirchenrechtliche Strafbarkeit dieser Art von Missbrauch einsetzen. Auch sollen Hilfsangebote für Betroffene, Prävention sowie die Kontrolle Geistlicher Gemeinschaften ausgebaut werden. Sind das die richtigen Schritte?

Könemann: Es sind auf jeden Fall richtige Schritte. Wir haben schon in der Studie betont, dass die Frage der Strafbarkeit entscheidend ist, auf Seiten des weltlichen wie des kirchlichen Rechts. Es geht darum, dieses Bündel der unterschiedlichen Handlungen spirituellen Missbrauchs in eine Strafbewährtheit zu überführen. Des Weiteren glaube ich, dass Geistliche Gemeinschaften engmaschig begleitet werden sollten, auch mit regelmäßigen Visitationen. Auch die Akten zu den Gemeinschaften sollten kontinuierlich geführt werden. Denn wir sind in unserer Arbeit auf eine Gemeinschaft gestoßen, in der es eine Lücke von mehr als zehn Jahren in der Aktenführung gab. Da ist noch viel zu tun. Ebenso sollte eine engmaschige Begleitung vor der kirchlichen Anerkennung erfolgen. Das ist alles nicht ganz einfach. Auch andere Studien haben schon betont: man muss mehr sehen als nur die Fassade. Denn die Fassade stimmt oft und ist beeindruckend. Sie wird oft so geformt, dass sie den Bischöfen gefällt. Was dahinter liegt, die eigentliche Realität, darf nicht zum Vorschein kommen. Da Instrumente zu entwickeln und zu einem realistischen Bild zu kommen, halte ich für unabdingbar.

Frage: Glauben Sie an einen wirklichen Aufbruch oder sind das Worthülsen?

Könemann: Das kann ich im Moment nicht beurteilen. Ich möchte auch nicht jetzt behaupten, die angekündigten Schritte würden nicht umgesetzt. Das wäre unfair. Die Auftraggeber brauchen jetzt auch die Chance, wirklich umzusetzen, was sie angekündigt haben. Manche der Maßnahmen benötigen auch ein wenig Zeit. Aber es macht sicher Sinn, nach einem gewissen Zeitraum zu fragen, wie weit die Umsetzung ist und welche Schritte konkret eingeleitet wurden.

Frage: Die bestehenden Präventions- und Interventionsordnungen greifen für sexualisierte Gewalt gegenüber Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen. Sind die bisherigen Strukturen geeignet, um auch geistlichen Missbrauch anzugehen?

Könemann: Solche Ordnungen sind weiterzuentwickeln, das haben wir auch in der Studie geschrieben. Ob das in bestehenden Ordnungen sinnvoll ist oder neue Ordnungen aufgestellt werden müssen, das ist sicher einzelfallabhängig. Der wichtige Punkt ist meines Erachtens, dass der geistliche Missbrauch nicht nur als Anbahnung des sexuellen Missbrauchs, sondern auch als eine eigenständige Form des Missbrauchs mit aufgenommen wird. Dazu gehören eigene Ordnungen und Ansprechpartner. Da ist noch Luft nach oben.

Der Einband der Studie „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“
Bild: ©Bischöfliche Pressestelle Münster/Ann-Christin Ladermann

In der rund 600-seitigen Studie unter dem Titel „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ hatte das Forscherteam erstmals das Phänomen spirituellen Missbrauchs in katholischen Geistlichen Gemeinschaften untersucht, in denen es zu geistlichem Missbrauch gekommen war.

Frage: Das Phänomen des spirituellen Missbrauchs ist seit den Veröffentlichungen von Doris Reisinger weithin bekannt. Welche Erkenntnisse haben Sie in Ihrer Untersuchung noch erhalten, die Sie überrascht haben?

Könemann: Überrascht hat mich, wie gut diese Praktiken und Mechanismen funktionieren – obwohl vielen Menschen bekannt ist, dass es sie gibt. Ich verwehre mich gegenüber der Meinung, Geistliche Gemeinschaften würden von Menschen aufgesucht, die psychisch labil sind. Das ist ein gängiges Vorurteil. Dem möchte ich ausdrücklich widersprechen: Wir haben in der Studie eindeutige Erkenntnisse bekommen, dass es rationale, nachvollziehbare Gründe sind, die Menschen in eine Geistliche Gemeinschaft führen. Allein die Tatsache, religiös hochgestimmt zu sein, ist keine psychische Labilität. Dennoch funktionieren Praktiken wie das Love Bombing, mit dem durch übergroße Gefühlsbezeugungen Bindung hergestellt wird. Auch Systeme von Kontrolle und einem umfassenden Zugriff auf Menschen, zeitlich wie inhaltlich, wirken sehr schnell. Es ist viel Aufwand und Energie nötig, um sich wieder daraus zu lösen.

Frage: Gibt es denn Menschengruppen, die für spirituellen Missbrauch besonders anfällig sind?

Könemann: Wir haben da keine Präpositionen gefunden, die sich wirklich wissenschaftlich belastbar herausschälen ließen. Was wir gefunden haben, waren Momente eines Kontingenzerlebens, welches Menschen auf der Suche nach Halt und Gemeinschaft in die Gemeinschaft geführt hat. Wir haben aber auch eine soziale Komponente gefunden: Viele der Betroffenen in unserer Studie kommen aus Elternhäusern, die eher traditionellen Frömmigkeitsformen zuneigen.

Frage: Wie sieht es bei denen, die den Missbrauch verüben aus?

Könemann: Unsere Studie trägt nicht umsonst den Titel "Macht durch Charisma". Alle Leitungspersonen in den beiden Gemeinschaften, die wir untersucht haben, hatten ein großes Charisma. Dadurch konnten sie leicht Kontakt aufbauen und Menschen für sich gewinnen.

„Nötig ist zuerst einmal viel Selbstreflexion von allen Seiten.“

—  Zitat: Judith Könemann

Frage: Aber nur, weil ein Mensch leicht Kontakt zu anderen aufbaut, ist er ja kein Missbrauchstäter.

Könemann: So ist es. Auch Charisma zu haben, ist nichts Schlechtes, auch das soll ausdrücklich betont werden. Die Schwelle zum Missbrauch wird dann überschritten, wenn das Charisma zur Herrschaftsform wird und mit einer Verführung der Macht einhergeht. Wer sich darüber definiert, andere lenken und steuern zu können, hat den Kipppunkt schon überschritten. Der ist aber im Einzelnen nicht immer so einfach zu bestimmen und bedarf einer hohen Selbstreflexion. Als Betroffener ist es vielleicht eine Möglichkeit, sich zu fragen, wo es Momente der Irritation, des Unwohlseins gab. Das sind wichtige Hinweise, dass etwas nicht in Ordnung ist. In unserer Studie haben eine ganze Reihe von Studienteilnehmer:innen von solchen Momenten berichtet.  

Frage: Was können Geistliche Gemeinschaften selbst tun, um missbräuchliche Tendenzen zu erkennen und dagegen anzuwirken?

Könemann: Nötig ist zuerst einmal viel Selbstreflexion von allen Seiten. Die Leitung muss sich ehrlich selbst einschätzen – und eine zentrale seitens der Mitglieder ist: Will ich hier eigentlich noch aus freien Stücken Mitglied sein? Kann ich die Gemeinschaft verlassen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Kann ich also auch raus? Oder wird mir dann die Hölle angedroht? Zudem sind natürlich Präventionskonzepte wichtig – auch wenn es auch in Gemeinschaften mit solchen Konzepten schon zu Missbrauch gekommen ist. Ganz allein schaffen es die Gemeinschaften also nicht.

Frage: Umso wichtiger ist der Umgang der Amtskirche. Da wurde – so zeigte es Ihre Studie – viel weggesehen, weil Geistliche Gemeinschaften bequeme Gruppen sind: Sie ziehen neue Gläubige an und stellen kaum Forderungen. Ist die Sensibilität da gewachsen?

Könemann: Ich hoffe, dass unsere Studie zu mehr Sensibilität beiträgt. Denn die Verantwortlichen in der Kirche haben auch eine Fürsorgepflicht den Gläubigen gegenüber. Es ist genauso, wie Sie es beschrieben haben: Diese Mechanismen funktionieren. Jede Gemeinschaft ist anfällig für Missbrauch, nicht nur geistliche. Das liegt im Wesen der Gemeinschaft als solcher. Man muss also genau hinschauen. Genau das ist oft nicht passiert. Das Spezifische beim geistlichen Missbrauch ist die spirituelle Überhöhung und spirituelle Aufladung, die er hat. Diese Verwobenheit und der systemische Charakter ist besonders gefährlich.

Frage: Welche Aufgaben möchten Sie da den Amtsträgern mit auf den Weg geben?

Könemann: Sich mehr mit solchen Gemeinschaften zu beschäftigen. Es reicht nicht, nur mal sonntags zum Festgottesdienst mit anschließendem Essen vorbeizukommen. Man muss mal mitleben, in das Zentrum der Gemeinschaft kommen. Das braucht Zeit. Es geht aber auch um eine bestimmte Haltung. Geistlicher Missbrauch geht oft mit einer Quantifizierung einher: Zum einen geht es um Gemeinschaften, die neue Leute anziehen – zum Teil um jeden Preis. Da geht es aber auch um die Quantifizierung von Glauben an sich. Da geht es darum, dass Glaube immer noch tiefer, noch besser werden kann. Das hat ein Moment der Selbstoptimierung. Glaube wird zur Leistung. Da müssen wir als Kirche und als Gesellschaft genau drauf gucken. Denn Glaube ist kein Verdienst, sondern Geschenk.  

Von Christoph Paul Hartmann