Wie Schwester Redempta missbrauchten Kindern neue Hoffnung gibt

"Diese jungen Menschen sind alle Überlende", sagt Schwester Redempta Kabahweza. Die Ordensfrau spricht gerade über ihre Arbeit im "Pope Francis Rescue Center". Genau 956 Kinder und Jugendliche haben die Einrichtung in der kenianischen Küstenstadt Malindi seit 2015 durchlaufen. Diese Zahl hat die 48-Jähirge genau im Kopf. Jedes dieser Kinder hat die studierte Psychologin kennengelernt und meist über mehrere Monate betreut. Mit vielen steht sie auch Jahre später noch im Kontakt und begleitet sie dabei, ein Leben nach dem Missbrauch aufzubauen. Doch wie macht man das? Schwester Redempta hat in den letzten zehn Jahren genau dafür Wege gefunden und gibt alles, damit nicht noch mehr Kinder zu Opfern solcher Taten werden.
Die Ordensfrau holt tief Luft, bevor sie auf die nächste Frage antwortet. Die gebürtige Uganderin sitzt im Wohnzimmer ihrer deutschen Mitschwester, bei der sie gerade zu Besuch ist. Gespannt hängt Schwester Elisabeth Biela an den Lippen ihrer Kollegin, die gerade über ihre Arbeit berichtet. Was genau die Kinder erlebt haben? Das listet Schwester Redempta auf, während ihr dabei langsam Tränen in die Augen steigen: "Sexueller Missbrauch durch Erwachsene, Kindesheiraten, Kinderprostitution, Sextourismus, Genitalverstümmelung". Es ist ihre Mission, diesen Kindern und Jugendlichen wieder eine Perspektive zu geben.
Erster Schritt: Sensibilisierung für das Thema
Den Startschuss für die Einrichtung gibt 2015 der Bischof der Diözese Malindi. Er beauftragt drei Ordensfrauen der Missionsschwestern Unsrer Lieben Frau von Afrika, auch Weiße Schwestern genannt, eine Einrichtung für von Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche aufzubauen. Doch bevor die drei irgendwelchen Kindern helfen können, braucht es nicht nur eine Unterkunft.
Viel wichtiger ist es, die Bevölkerung zu sensibilisieren, was Kindesmissbrauch überhaupt ist. Die drei Ordensfrauen können aber nicht einfach von Ort zu Ort gehen, an Türen klopfen und Menschen einladen, mit ihnen über sexuellen Missbrauch zu sprechen. "Wir mussten das Thema sehr vorsichtig angehen", erinnert sich Schwester Redempta. Also suchen sie sich Ansprechpartner in Schulen, Polizeistationen, Kirchen und bei regionalen Chiefs. Wenn diese Personen an Bord sind, können sie zu Infoveranstaltungen einladen.
Im Pope Francis Rescue Center sollen die Kinder und Jugendlichen wieder Lebensmut finden.
Das gelingt ihnen und in den ersten Gesprächen bemerkt Schwester Redempta schnell, wo es an Wissen fehlt. "Vielen war gar nicht bewusst, was für lebenslange Konsequenzen Missbrauchstaten bei Kindern und Jugendlichen haben können." Mit der Resonanz ist die Ordensfrau zufrieden, auch wenn natürlich nie alle Einwohner eines Ortes zu einer solchen Veranstaltung kamen. Viele hätten Angst, über dieses Tabu-Thema zu sprechen, doch besonders Mütter seien aus diesen Treffen empowert, also gestärkt, herausgegangen, erzählt sie. Ihre Hoffnung ist: Wenn sich ein Kind vielleicht nicht an seine Mutter oder seinen Vater wenden könne, gebe es vielleicht eine Lehrerin oder Tante, die für das Thema sensibilisiert sei.
Im nächsten Schritt gilt es, das kenianische Jugendamt von sich zu überzeugen, auch Kinder in ihre Einrichtung zu vermitteln. Die Ordensfrauen suchen sich Unterstützung und stellen weitere Mitarbeiter ein, die für medizinische Versorgung, Betreuung, schulische und berufliche Ausbildung zuständig sind. Die Einrichtung finanzierte sich über Spenden, das Kindermissionswerk und durch eigene Einnahmen. So können die ersten Kinder zu ihnen kommen. Die Altersspanne ist dabei groß. Die jüngsten seien zwei Jahre, die ältesten 17. Jungen seien häufig unter 12, Mädchen meist etwas älter.
Was es braucht, um überhaupt mit Betroffenen zu arbeiten
Was sie aber alle eint: "Sie haben verlernt, was Liebe überhaupt bedeutet", erzählt die Schwester. Mit diesen Kindern kann man nicht einfach über Gerichtsverfahren oder ihre berufliche Zukunft sprechen. Wenn die Kinder zu ihnen kommen, gibt es erstmal zwei Dinge zu tun: sie medizinisch zu versorgen und Vertrauen aufzubauen. Betroffene bekommen etwa PrEP verabreicht, ein Medikament, das vor HIV schützt, oder es werden Spuren von Gewalttaten für mögliche Gerichtsverfahren gesichert.
Gerade bei verschlossenen Kindern und Jugendlichen, die teilweise gar nicht sprache, ist es schwer, Kontakt zu ihnen aufzubauen. "Viele haben jegliches Vertrauen in Menschen verloren", berichtet die Ordensfrau. Ihre Erfahrung hat aber gezeigt, dass gerade sie und ihre Mitschwestern da einen Vorteil gegenüber den weltlichen Mitarbeitern haben. Ihre Rolle als Ordensfrau bringt häufig einen Vertrauensvorschuss mit. "Wenn sie sich uns dann öffnen können, verändert das alles", erzählt sie lächelnd.
Erst dann geht die eigentliche Aufgabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter los. Es gibt medizinische und psychologische Betreuung. In Einzel- oder Gruppensitzungen arbeiten Schwester Redempta und ihr Team das Erlebte mit den Kindern und Jugendlichen auf. Darüber hinaus gehen die jüngeren Kinder im Center zur Schule. Für Ältere gibt es die Möglichkeit, berufliche Skills zu erlernen. Sie werden zum Beispiel zur Näherin oder Friseurin ausgebildet.
„Manchmal ist die Armut einfach zu viel.“
Das Center ist dabei immer nur eine Zwischenstation, in der die Kinder – je nach Entscheidung des Jugendamtes – nur wenige Monate bleiben. Das findet Schwester Redempta gut so. Sie ist überzeugt: "Kinder gehören in eine Familie." Genau deswegen ist es ihr so wichtig, schon während der Zeit im Center eine mögliche Rückführung zu planen. Sie besucht die Familien, um das Umfeld der Kinder kennenzulernen. Ihre Erkenntnis: Viele Fälle von sexuellem Missbrauch könnten verhindert werden, wenn ein großes Problem nicht da wäre – die grassierende Armut.
Die Wurzel des Problems
In Kenia lebt ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Mehr als fünf Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht. Wenn beispielsweise ein Mädchen in ihrem Elternhaus nicht genügend zu essen bekommt, nur wenige Jahre zur Schule gehen kann, dann ist es perspektivlos. So werde es zu einem leichten Opfer für Menschen, die es ausnutzen. Aus der ersten Jugendliebe werde schnell der Zuhälter einer 13-Jährigen, erzählt die Ordensfrau.
Um genau dagegen anzukämpfen, bieten Schwester Redempta und ihr Team ein Programm für Angehörige an. Sie zeigen ihnen, wie man kleine Businesses aufbaut und zum Beispiel einen Kiosk betreibt, Obst, Fisch oder Öl verkauft. Die Einrichtung hilft anfangs finanziell. Die Familien zahlen, sobald das Geschäft läuft, einen kleinen Teil der Einnahmen wieder an die Einrichtung zurück. "So wollen wir ein sicheres familiäres Umfeld schaffen", erklärt die Ordensfrau.
Das Projekt funktioniere, sagt Redempta. Die Kinder und Jugendlichen können im Center Ersthilfe im Umgang mit dem Trauma bekommen. Abhängigkeiten zu Tätern sollen durch Schul- und Berufsbildung gekappt werden. Dadurch, dass mit der ganzen Familie langfristig zusammengearbeitet wird, kann so Einfluss auf das Umfeld genommen werden. "Und wer unsere Einrichtung verlässt, bleibt mit uns in Kontakt", beteuert die 48-Jährige.
In der Einrichtung können die Jugendlichen auch zu Näherinnen oder Friseurinnen ausgebildet werden.
956 Kindern haben sie und ihr Team in den letzten 10 Jahren helfen können. Darauf sind alle im Orden stolz. Aber Schwester Redempta weiß, wo die Grenzen ihrer Arbeit liegen. "Manchmal ist die Armut einfach zu viel", sagt sie. Sie haben nicht die finanziellen Ressourcen, um langfristig Schulgelder zu bezahlen. Die Unterkunft hat maximal Platz für 45 Kinder und Jugendliche gleichzeitig. "Mehr geht nicht, das haben wir schon ausprobiert", erzählt sie. Die Zukunft der Einrichtung hängt außerdem immer an der Spendenbereitschaft anderer ab. Und auch durch die langfristige Betreuung, der Kinder und Jugendlichen können sie das Erlebte nicht ungeschehen machen. Einige Traumata lassen sich eben nicht heilen, so die Ordensfrau.
Für sie ist das aber dennoch genau die richtige Arbeit. Leidende Kinder so nah zu begleiten, sei kräftezehrend. "Ich sehe in den Kindern Jesus am Kreuz", sagt sie. Gerade deswegen sei es ihre Mission, dort hinzugehen und sich für Hoffnung und Heilung einzusetzen. "Einem 12-jährigen Mädchen, das anfangs über Suizid spricht, dabei zu begleiten, wieder einen Lebenswillen zu finden, motiviert mich, weiterzumachen", sagt Schwester Redempta – egal wie schwer die Rahmenbedingungen sind.