"Magnifica humanitas": Enzyklika zur Verteidigung der Menschlichkeit
Nach langer Geheimhaltung war es am Pfingstmontag endlich so weit: Die erste Sozialenzyklika von Leo XIV. wurde vorgestellt. Kurienkardinäle, internationale Fachleute und der Papst persönlich waren beteiligt. Und anders als bei früheren Enzykliken im Medienzeitalter fand die Präsentation nicht bei einer Pressekonferenz statt, sondern in der Synodenaula des Vatikans. Viele Kurienmitarbeiter waren anwesend, ebenso ausländische Diplomaten – und als Augenzeugen auch Medienvertreter.
Mit der Zeremonie unterstrich der Papst den hohen Anspruch seines Schreibens, den auch der Titel deutlich macht: Ihm geht es um nichts weniger als die Zukunft der Menschheit. "Magnifica humanitas" – die von Gott geschaffene "großartige Menschheit", sie will der Papst verteidigen.
Breitseite gegen digitale Verirrungen
Der erste Papst aus den USA, zugleich auch der erste im Digitalen beheimatete, hat sich eine Menge vorgenommen. Er schreibt an gegen die Nutzbarmachung von Daten, die er als neue Formen von Menschenhandel und Kolonialismus deutet. Er beklagt die Aufhetzung verfeindeter Lager durch Algorithmen, er wettert gegen Cybermobbing und Pornografisierung.
Dann nimmt er die Utopien jener Technologie-Propheten aufs Korn, die den Menschen mit seinen leiblichen und geistigen Begrenztheiten überwinden und ihn durch posthumane Mischwesen mit künstlicher Intelligenz und Robotik ersetzen wollen. Und er scheut sich nicht, die Macht multinationaler Konzerne anzuprangern, in deren Händen sich Plattformen und Netzwerke, Patente und Algorithmen konzentrieren.
Leo XIV. tut all das mit dem fast altmodisch wirkenden Rüstzeug der katholischen Soziallehre. Mit Begriffen, die auf mittelalterliche Theologen und auf die Auseinandersetzung der Päpste mit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Dazu gehören Ideen wie die unverhandelbare Würde des Menschen, das Allgemeinwohl, die universale Bestimmung der Güter, Solidarität und Gerechtigkeit.
Dass Entscheidungen zum Töten an KI delegiert werden, hält Papst Leo XIV. für unmoralisch.
Einige davon bewähren sich in dem gut 100 Seiten langen Schreiben erstaunlich gut, wenn Leo XIV. Chancen und Gefahren des digitalen Zeitalters analysiert. Nicht immer überzeugend sind die daraus abgeleiteten Rezepte, etwa wenn er fordert, die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen. An anderen Stellen plädiert Leo schlicht dafür, "menschlich zu bleiben" und der Digitalisierung und Virtualisierung essenzielle Akte wie eine Tischgemeinschaft entgegenzusetzen.
Auch das politische Hauptanliegen des Papstes – Friede und Dialog unter den Nationen, nimmt in der Enzyklika breiten Raum ein. Klarsichtig analysiert er die riskanten Folgen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz im Krieg. Dass Entscheidungen zum Töten an KI delegiert werden, hält er für unmoralisch – und setzt sich für Verbote ein.
Epochenwandel als unaufhaltsame Flut?
Ob diese Forderung realistisch ist, scheint dabei ebenso zweitrangig wie bei seinen Vorschlägen zur gesellschaftlichen Kontrolle digitaler Macht. Dem Papst geht es offenbar darum, die Stimme der Kirche in einer Zeit zu erheben, in der viele resigniert haben, weil ihnen der Epochenwandel als unaufhaltsame Flut erscheint, die sie hinnehmen müssen, ohne sie gestalten zu können.
Am Beispiel der Sklaverei erläutert er: Auch wenn fast die ganze Menschheit – und damals auch die Kirche – dieses Unrecht lange für Recht hielt, heißt das nicht, dass es Recht war. Ähnliches macht er auch jetzt geltend: Die Kirche habe die Pflicht, vor gefährlichen Entwicklungen durch verfehlte Anwendung von Technologien zu warnen, wenn diese zu "Entmenschlichung" führen.
Unlängst hatte US-Vizepräsident JD Vance dem Papst die Berechtigung streitig gemacht, sich zu politischen Fragen zu äußern – und ihm eine Zuständigkeit ausschließlich für religiöse Fragen zuweisen wollen. Dass die Kirche nicht nur das Recht hat, sondern von ihrem Wesen her gar nicht anders kann, als auch in den politischen und gesellschaftlichen Raum hineinzusprechen und hineinzuwirken, untermauert Leo XIV. mit seiner Enzyklika.
