Himmelklar – Der katholische Podcast

Bingener: Gerade heute sollten wir über den Tellerrand blicken

Veröffentlicht am 23.09.2026 um 00:30 Uhr – Von Hilde Regeniter – Lesedauer: 

Köln ‐ Weltweit kürzen Regierungen ihre Entwicklungshilfen – das betrübt Dirk Bingener. Zum Monat der Weltmission im Oktober spricht er im Podcast über die Folgen dieser Politik und die Spendenbereitschaft der Deutschen.

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Wenn Dirk Bingener als Präsident des Missionswerks "missio Aaachen" und des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" in der Welt unterwegs ist, beeindrucken ihn oft der Mut und der Einfallsreichtum von Menschen in ärmeren Ländern. Es bewegt den im Siegerland geborene Pfarrer zu sehen, wie erfinderisch sie gegen alle Widerstände ihr Leben und ihren Glauben gestalten. Vor Beginn des Monats der Weltmission im Oktober erzählt er im Podcast Himmelklar auch von der Spendenbereitschaft der Deutschen und plädiert dafür, sich nicht von populistischen Stimmungen beeinflussen zu lassen. 

Frage: Mit dem Oktober steht der Monat der Weltmission an. Viele tun sich heute allerdings mit dem Begriff "Mission" schwer. Zum einen möchte sich kaum jemand missionieren lassen, zum anderen schwingt für viele noch immer eine gewisse Kolonialherrenmentalität mit. Beim Hilfswerk missio verstehen Sie unter "Mission" sicher etwas Anderes?

Pfarrer Dirk Bingener: Ja, das tun wir. Ich kann die Gefühle von Menschen durchaus verstehen, die sagen, dass dieser Begriff "Mission" historisch belastet ist. Heute und schon seit dem Zweiten Vatikanum verstehen wir Mission aber anders. Und zwar haben wir nicht die Vorstellung, dass wir Gott irgendwohin bringen müssen, sondern wir würden sagen: "Gott ist schon immer da." Es geht jetzt darum, gemeinsam in der Mission Gott und Gottes Spuren zu entdecken. Das ist keine Einbahnstraße, sondern wir machen uns mit den Menschen vor Ort auf den Weg und beachten dabei natürlich auch ihre Kultur. Mittlerweile geht die Bewegung auch nicht mehr so stark vom Westen in den globalen Süden. Es gibt viele Geistliche und auch andere Menschen aus dem Globalen Süden, die hierhergekommen sind und bei uns missionarisch tätig sind. Der Begriff hat sich also tatsächlich sehr verändert. Wir müssen Gott also nicht irgendwo hinbringen, sondern Gott ist längst da und wir können gemeinsam sein Wirken entdecken.

Frage: Auf jeden Fall ist der Oktober für missio eine besonders wichtige Zeit mit dem Weltmissionssonntag als Höhepunkt, in diesem Jahr am 25. Oktober. Was ist geplant?

Bingener: In diesem Jahr haben wir ein Jubiläum, wir begehen nämlich den 100. Sonntag der Weltmission. Wie jedes Jahr haben wir ein Beispielland, dieses Mal ist es Madagaskar. Wir stellen dar, wie wir mit Madagaskar solidarisch sind, vor allen Dingen mit der Kirche. Das Hilfswerk missio selbst wirkt immer durch die Strukturen der Kirche, denn wir fördern ausschließlich Projekte, die uns von der Kirche vor Ort angetragen werden. Es geht uns darum, Weltkirche hierher zu holen. Wir wollen wirkliche Begegnungen schaffen. Deswegen kommen acht Gäste aus Madagaskar, die wir vorher in Madagaskar besucht haben. Insgesamt finden über 200 Veranstaltungen statt. Die Aussendung wird dieses Mal im Aachener Dom sein, aber auch in den jeweiligen Diözesen gibt es Gottesdienste. Am Vorabend der Aussendung vergeben wir den Pauline-Jaricot-Preis, wir zeichnen starke Frauen aus, die sich für andere einsetzen und haben bei der Preisverleihung Unterstützung von Patricia Kelly. Die Projektpartnerinnen und -partner lernen natürlich auch unser Haus in Aachen kennen. Wir versuchen, die Themen Mission, Madagaskar und die Situation vor Ort, wie einen Diamanten im Licht zu drehen, sodass verschiedenste Aspekte der Weltkirche erscheinen können. Viele Menschen kommen nach den Veranstaltungen auf uns zu und sagen: "Klasse, dass ich da war!" Deshalb möchte ich noch mehr Leute einladen, tatsächlich zu unseren Veranstaltungen zu kommen.

Frage: Die meisten Deutschen wissen eher wenig über das Schwerpunktland, vielleicht noch, dass Vanille und Nelken dort herkommen. Was sollen die Leute jetzt noch über Madagaskar erfahren?

Bingener: Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt mit einem Altersdurchschnitt von gerade einmal 20 Jahren und damit einer sehr jungen Bevölkerung. Dort leben viele Christinnen und Christen, das sind Katholiken und Katholkinnen, aber auch Angehörige anderer Konfessionen. Dort lebt also Kirche. Uns interessiert besonders, welche Herausforderungen es in Madagaskar gibt und wie die Kirche damit umgeht, wie sie für die Menschen da ist. Gerade heute ist es wichtig, nicht nur auf uns selbst zu schauen, sondern über den Tellerrand hinweg zu blicken. Genau das soll am Weltmissionssonntag und im Weltmissionsmonat passieren.

Madagaskar auf einer Landkarte
Bild: ©Fotolia.com/Zerophoto (Archivbild)

Dieses Jahr steht Madagaskar im Fokus der Weltmission.

Frage: Wie andere Hilfswerke ist auch missio Aachen auf Spenden angewiesen. Auch darum geht es am Weltmissionssonntag. Aber einerseits ist die Konkurrenz um Spenden groß, andererseits sitzt bei vielen Menschen das Geld angesichts wirtschaftlicher Unwägbarkeiten gerade nicht sehr locker. Hinzu kommt, dass immer weniger Leute mit der katholischen Kirche etwas anfangen können. Eine herausfordernde Situation, oder?

Bingener: So ist es. missio Aachen und auch das Kindermissionswerk sind nicht so sehr vom Haushalt der Bundesregierung abhängig. Wir haben eine sehr treue Spender- und Spenderinnenschaft. Und gerade unsere Aktion "Dreikönigssingen" läuft sehr stabil. Wir sind sehr froh darüber, dass sich da 300.000 Kinder und 80.000 Erwachsene engagieren. Unsere Erfahrung ist insgesamt, dass Menschen in Deutschland unglaublich großzügig sind und dass wir darüber viel zu wenig sprechen. Wenn wir den aktuellen Bericht über die weltkirchliche Hilfe der katholischen Kirche sehen, dann gibt die deutsche Kirche – aus unterschiedlichen Quellen gespeist - 530 Millionen Euro jedes Jahr in die Weltkirche und den globalen Süden. Das muss man erst einmal jedes Jahr auf die Beine stellen, diese Treue von Spenderinnen und Spendern muss man erstmal haben! Gleichzeitig betrübt mich wirklich, dass der Bundeshaushalt beispielsweise im Hinblick auf die Fragen von Kindergesundheit um 500 Millionen Euro gekürzt wird. Wir haben dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht, die aber fast gar nicht aufgegriffen wurde, übrigens auch nicht von katholischen Medien. Dabei wäre es doch eine Nachricht wert, dass wir im Bundeshaushalt nicht 500 Millionen Euro einsparen sollten! Denn so können zum Beispiel die Begleitung von Schwangeren, die HIV-Prävention, die Malaria-Profilaxe und viele andere Gesundheitsfragen nicht mehr abgedeckt werden. Das geschieht ausgerechnet in einer Situation, in der die USA, die in ihrem Engagement nicht zu ersetzen sind, so viele Hilfen gekürzt haben. Ich kann nicht verstehen, dass man als Bundesregierung so handelt und genauso wenig, dass das für die Öffentlichkeit offensichtlich nicht interessant ist.

Frage: Was bedeutet das für Sie und Ihre Arbeit? Sie haben gesagt, Sie hängen nicht so stark wie andere am Tropf der Bundesregierung…

Bingener: Das kann ich ganz konkret machen. In Bangladesch zum Beispiel leben Geflüchtete aus Myanmar in Flüchtlingslagern. Als ich zuletzt dort war, hatte der amerikanische Präsident gerade verkündet, dass er die US-Hilfe einstellen würde, damals zunächst für drei Monate. Seit drei Tagen war die Gesundheitsstation geschlossen, die amerikanische Flagge wehte noch, aber die Leute hatten keine Gesundheitsversorgung mehr. Wir von missio unterstützen dort im Flüchtlingslager eine Schule und eine Pfarrgemeinde…Wir können aber keine Gesundheitsversorgung leisten, weil wir die Partner und die Strukturen vor Ort nicht haben. Sie können aber kein Flüchtlingslager betreiben, wenn sie keine Gesundheitsversorgung haben. Das heißt, wir sind oft nicht immer unmittelbar von den Kürzungen betroffen, aber mittelbar. Ich könnte eine Reihe weiterer Beispiele nennen. Keiner kann die amerikanische Hilfe ersetzen. Trotzdem versuchen wir, unsere Partner zu ermutigen, da wo sie Lücken haben, auch bei uns anzufragen, und wir schauen, ob wir etwas mehr tun können. Ich weiß, dass andere Hilfswerke das auch tun.

Frage: Sie sagen, es gibt viele großzügige Menschen in Deutschland. Auf der anderen Seite denken viele gerade auch aus wirtschaftlicher Sorge heraus: "Was kümmern mich die Leute in Afrika oder in Ozeanien? Ich muss gucken, wie ich hier zu Hause über die Runden komme." Wie erleben Sie das?

Bingener: Natürlich haben Menschen in Deutschland die Sorge, dass sie über die Runden kommen. Darauf muss die Politik auch Antworten finden. Aber wir dürfen uns nicht verhärten, sondern müssen unseren Blick weit halten und über den Tellerrand hinausschauen. Das ist sehr wichtig. Wir müssen vielleicht der Zivilgesellschaft noch stärker erklären, wofür wir Mittel aus Deutschland ausgeben. Es gibt eine Reihe von Anfragen dazu. Möglicherweise müssen die Hilfswerke noch mal genauer erklären, warum sie genau diesen oder jenen Ansatz fördern. Denn natürlich braucht Politik auch Rückenwind aus der Zivilgesellschaft. Damit wir weiter daran festhalten, dass wir nicht nur eine interessensgeleitete, sondern auch eine wertegeleitete Außen- und Entwicklungspolitik brauchen. Die Aufgabe der Kirche ist doch, sich nicht von populistischen Strömungen beeinflussen zu lassen, sondern Kurs zu halten. Denn irgendwann wird dieser Spuk, dass so viele denken, sie müssten alles für sich haben, wieder vorbei sein. Dann wird man fragen: Wer ist sich eigentlich treu geblieben? Wer hat weiter an seinen Werten festgehalten? Wer hat nicht nur auf sich geschaut, sondern auch auf andere? Ich habe schon betont, dass es viele Menschen in Deutschland gibt, die genau das tun. Möglicherweise wird davon zu wenig gesprochen.

Von Hilde Regeniter