Kaschner: Neue Glaubensoffenheit im Norden fordert Kirche heraus

Die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz, Anna Mirijam Kaschner, sieht in der neuen Offenheit für Glaubensfragen bei Erwachsenen in Skandinavien eine Herausforderung für die Kirche und die Gemeinden. "Damit dieser Aufbruch nicht in politischer Polarisierung oder Enttäuschung mündet, braucht es eine ganzheitliche Katechese, die Verstand, Herz und praktisches christliches Handeln integriert", schreibt die Ordensfrau in einem Beitrag für die "Herder Korrespondenz" (Oktober-Ausgabe). Konvertiten bräuchten auch nach ihrem Eintritt in die katholische Kirche intensive Betreuung: "Sie müssen außerdem ermutigt werden, ihre Kontakte zur säkularen Gesellschaft aufrechtzuerhalten und ihren Glauben im offenen, versöhnlichen Dialog zu leben, anstatt sich in ein Sonderbewusstsein zurückzuziehen", so Kaschner.
Eine jüngst in Dänemark veröffentlichte Studie beruhe zwar nur auf einer nationalen Stichprobe, liefere aber erste Erkenntnisse über die Religiosität im säkularisiertesten Teil Europas. Als Gründe für das wachsende Interesse nennt die Ordensfrau etwa die Ermüdung junger Menschen an der Selbstfindung. Ebenso werde der Glaube von jungen Menschen nicht mehr als ein System von Verboten erlebt, sondern als eine "erlösende Befreiung vom Zwang, sich ständig selbst erfinden zu müssen".
Misstrauisch gegenüber neuer Religiosität
Doch die Wiederentdeckung werde im öffentlichen Diskurs Skandinaviens misstrauisch beäugt, so Kaschner. Insbesondere das Engagement junger Männer in traditionellen Gemeinschaften werde mit einem Erstarken des konservativen oder gar rechtspopulistischen Spektrums in Verbindung gebracht. Doch für die Ordensfrau ist diese These verknappend: "Die Zuwendung zur Kirche sei Ausdruck eines konservativen oder rechtspopulistischen Kulturkampfes insbesondere gegen progressive Politik, Feminismus und Globalisierung. Die bisher erhobenen Daten und Analysen zur Verteilung des Wählerverhaltens unter aktiven neureligiösen Personen kann den Eindruck in dieser Form jedoch nicht bestätigen."
Die empirische Erfassung von Gläubigen in den skandinavischen Ländern in Bezug auf das Wahlverhalten zeige ein anderes, eher breit gefächertes Bild: "Ein erheblicher Teil der kirchlich aktiven Personen wählt Parteien der politischen Mitte."
Rechtspopulistische Bewegungen in Skandinavien würden laut der Generalsekretärin oft eine "christlich abendländische Kultur" als Identitätsmerkmal gegen Zuwanderung führen, dabei aber selbst oft nicht aktiv am Gottesdienstleben teilnehmen. Neugläubige dagegen würden sich durch "eine geistliche Praxis" auszeichnen. Studien würden dementsprechend zeigen, dass mit "steigender Tiefe der religiösen Praxis, die Akzeptanz für rein nationalistische Parolen nicht zwangsläufig steigt, sondern eher durch eine universalistische, weltkirchliche Perspektive abgemildert" werde. Dennoch müsse die Kirche aufmerksam sein für problematische Strömungen und Haltungen. (mtr)