Kontroverse um Kriegsverbrecher

Kardinal kritisiert Reaktionen auf Mladić-Begräbnis

Veröffentlicht am 23.09.2026 um 11:40 Uhr – Lesedauer: 

Belgrad ‐ Die Beisetzung des Kriegsverbrechers Ratko Mladić in Belgrad sorgte international für Aufsehen und heftige Kritik. Nun aber äußert sich der dortige Erzbischof und Kardinal zum Vorfall – und übt Kritik an den Reaktionen.

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Der Erzbischof von Belgrad, Kardinal Ladislav Nemet, kritisiert die internationalen Reaktionen auf das öffentliche Begräbnis des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić in Belgrad. "Ich bin immer wieder überrascht, wenn die sogenannte internationale Gemeinschaft auf diese Weise auf Geschichten aus dem wirklichen Leben reagiert", sagte Nemet in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit dem Portal "OSV News". Besonders überrascht hätten ihn Forderungen, wegen des Vorfalls Serbiens Annäherung an den Westen zu verzögern. Das Begräbnis habe nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen betroffen und sei kein Grund, Serbiens Beziehungen zu Europa infrage zu stellen.

Mladić erhielt vor wenigen Wochen in der serbischen Hauptstadt ein Begräbnis, an dem auch staatliche Amtsträger teilnahmen. Das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Porfirije, leitete die Trauerfeier persönlich. Mladić starb Ende August im Alter von 84 Jahren im Gefängniskrankenhaus in Den Haag. 2017 wurde er vom UN-Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnienkriegs zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, verurteilte sowohl die öffentliche Ehrung Mladićs als auch die Anwesenheit hochrangiger serbischer Amtsträger bei der Beerdigung. Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland und den Ökumenischen Rat der Kirchen auf, klar auf die Würdigung zu reagieren. Eine Reaktion blieb bislang aus.

Recht auf "würdige Beerdigung"

Nemet bedauerte unterdessen, dass die Beisetzung von internationalen Medien dazu genutzt worden sei, Serbien "als einen Ort darzustellen, an dem schlimme Dinge geschehen". Jeder habe ein Recht auf eine "würdige Beerdigung", so der Kardinal. "Und wenn man von manchen als Nationalheld dargestellt wird, wird eine solche Beerdigung wohl kaum irgendeinem einfachen Gemeindepfarrer überlassen." Man könne kritisieren, wie mit dem Ereignis umgegangen worden sei, sagte Nemet weiter. "Aber obwohl ich in Serbien lebe und dort geboren wurde, habe ich persönlich nie irgendwelche nationalistischen Gefühle empfunden. Wie viele andere habe ich eine andere Weltanschauung und andere Wertvorstellungen."

Zudem sagte Nemet, Mladićs Beisetzung sei entsprechend dessen Wunsch erfolgt, neben seiner Tochter seine letzte Ruhe zu finden. Sie hatte sich 1994 im Alter von 23 Jahren wegen der Taten ihres Vaters das Leben genommen. "Die Menschen wissen zwar von seinen Verbrechen, scheinen aber weniger über die tragischen Ereignisse in seinem persönlichen Leben zu wissen", sagte der Kardinal. "Es ist wichtig zu erkennen, dass die staatsbegräbnisähnlichen Zeremonien letztlich eine geringere Rolle spielten als dies – sein einfacher letzter Wunsch."

Mit Blick auf die ökumenischen Beziehungen zur orthodoxen Kirche in Serbien erklärte Nemet, die Beziehungen hätten sich seit der Wahl Porfirijes an die Spitze der serbisch-orthodoxen Kirche im Jahr 2021 deutlich verbessert. Porfirije sei 31 Jahre jünger als sein Vorgänger und habe eine "ganz andere Wahrnehmung der Welt". (mtr)